Es gibt Musik, die man erst so richtig versteht, wenn man an den Plätzen war, wo sie entstanden ist.
Als ich so 15 war, bekamen wir für ein paar Monate eine Austauschschülerin aus England in die Klasse. Nach kurzer Zeit schon munkelte man, ihr Vater sei „Rockstar“ gewesen, aber unter dramatischen Umständen früh verstorben. Jaja, is klar.
Wie sich aber dann rausstellte, stimmte das zu 100 %. Der Vater des Mädchens war nämlich John Bonham, seines Zeichens Schlagzeuger von Led Zeppelin, einer der zweifelsohne größten Rockbands aller Zeiten und Väter aller Rockstar-Klischees. Und er war tatsächlich 1980 einen klassischen Rock’n'Roll-Tod gestorben: Zu viel Vodka, daraus resultierender Magenauswurf, falsch gelegen, Ende.
Die Musik von Zeppelin hab ich mir natürlich zu der Gelegenheit mal angehört… Elfen, Geister und Mythologie waren zwar schon damals voll mein Ding, aber gesungenerweise zu brachialen Drums und ätherischem Gitarrespiel vorgetragen dann doch nicht so.
Mein Auenland
Bis ich dann wenig später selbst das erste Mal nach England fuhr, genauer gesagt nach Shropshire, ein grünes, sehr ländliches County im Nordwesten, nahe Wales. Meine Gastfreundin und ich mussten morgens immer eine Dreiviertelstunde zur Schule gefahren werden und dröhnten stets jeder so mit unserem Walkman vor uns hin. Ich versuchte mich immer noch tapfer an Led Zeppelin, die ebenfalls in dieser Gegend ihre Wurzeln hatten.
Und an irgendeinem nebeligen Morgen, mit Blick auf die aufgehende Sonne zwischen sanften grünen Hügeln machte es dann Klick: Solche Musik muss man schreiben, wenn man hier aufgewachsen ist.
Und ich höre Shropshire immer noch aus dem donnernden Schlagzeug und der Mörsergranaten-Gitarre raus.
Viele Jahre später dann, 1998, zog ich für eine Weile zum Studieren nach England. Ich war zwischendurch schon viele Male da gewesen und mit der englischen Landschaft und Kultur schon recht vertraut. Aber zum feierlichen Anlass meiner temporären Einbürgerung dachte ich mir, ich müsste mir jetzt noch mal richtig englische Musik zulegen.
Damals gab es in Kiel noch einen CD-Verleih. Morrissey und The Smiths waren so Namen, die ganz hinten in meinem Großhirn als „typisch englische Musik“ abgespeichert waren, ohne dass ich auch nur einen einzigen Titel hätte nennen können. Aber ohne lang zu überlegen griff ich mir wahllos irgendeine Best of und zog sie auf Tape (wisst ihr noch, Tapes? Magnetbänder in kleinen Plastikgehäusen??).
In Harwich fuhr ich dann mit einem bis oben hin mit Gelumpe voll gepackten Golf von der Fähre und legte das Tape ins – Achtung! – Tapedeck. Und was soll ich sagen…. der Rest ist Geschichte, irgendwie. Denn ein lauteres Klick als dieses hab ich weder vorher noch hinterher jemals wieder gehört.
Die Entdeckung von Morrissey war einer der ganz großen Aha-Momente in meinem Leben. Ich möchte mal behaupten, ohne meinen Umzug nach England wäre es nie dazu gekommen. Der Geist von Dear Old Blighty und der English Working Class fuhr mir in die Glieder und Morrissey war das Medium. Erst später begann ich die anderen Dimensionen dieser Musik zu begreifen. Die hatten dann auch mit England nichts mehr zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.
Welcome to the Hotel California
Ein paar Jahre später dann bin ich mal in Gesellschaft eines anderen Morrissey-Fans mit dem Auto von L.A. nach Vegas gefahren. 30 Grad draußen, kein Baum, kein Strauch, nur eine lange, lange schwarze Straße durch die Wüste und Unmengen von mit Einzelpersonen besetzte Autos. Im Tapedeck natürlich The Smiths. Aber das war irgendwie…..falsch. Das gehörte da nicht hin. Ich hab versucht ihm das zu erklären, aber ich glaube nicht, dass er es verstanden hat. Er kannte es ja nicht anders. Er hatte noch nie The Smiths gehört während er durch’s East End oder Black Country gefahren war.
Und wer meine These bezweifelt, dem möge es mal passieren dass gerade „Hotel California“ im Bordradio kommt, während er über Los Angeles in der Abendsonne kreist. Ich hab’s erlebt. Und der Song war nie wieder derselbe.