Fortsetzung hiervon
„Du siehst mich nie wieder…“
Aber mit 17 wusste ich das noch nicht. Ich wollte nur weg. Kiel war hässlich, da war nix los und beruflich gab es für meine hehren Pläne auch nicht viel zu reissen. Bis 20 hab ich noch durchgehalten und zog dann erst mal relativ planlos nach Berlin. Das war Mitte der 90er Jahre, die neue Hauptstadt war damals fest in russischer Hand und es begann gerade das große Aufgemische durch nationale und internationale Investoren. Nahezu unterträglich für ein Landei wie mich.
Nach 6 Monaten hielt ich es nicht mehr aus und verkroch mich wieder bei meinen Eltern in Kiel. Zudem kam ich zu dem Schluß, dass ich mich doch noch mal um einen anständigen Schulabschluss bemühen sollte. (Ich hatte zwar einen, aber keinen, der meiner Intelligenz halbwegs angemessen wäre). Also, zurück nach Kiel, zurück zur Schule und insgeheim war ich auch ganz froh drüber.
Nach Abschluss meiner zweiten Schulkarriere war ich dann endlich soweit. Mit deutschen Hauptstädten gab ich mich diesmal gar nicht erst ab, nein, die Hauptstadt des British Empire sollte es diesmal sein – London. Dort gefiel es mir auch sehr gut. Durch Umstände, die mit meinem dringenden Wunsch Popstar zu werden zu tun hatten (ja, das gab’s auch schon pre-Castingshows), verschlug es mich aber nach einem Jahr wieder nach Hamburg.
In Hamburg hab ich dann insgesamt 7 Jahre gelebt, unterbrochen von einem Jahr in Hannover. Hamburg liebe ich noch heute und es wäre auch meine erste Wahl, wenn es jemals woanders hingehen soll.
Aber… Anfang 2007 verschlug es mich aus familiären Gründen wieder zurück nach Kiel. Mit fliegenden Fahnen bin ich diesen Schritt nicht gerade gegangen. Ich empfand es zunächst als echten Rückschritt, denn ich war doch so froh gewesen, es aus Kiel „rausgeschafft“ zu haben.
Nach ein paar Monaten stellte jedoch fest, dass es okay war. Die Hummeln in meinem Hintern hatten sich zur Ruhe gesetzt. Das mag einerseits mit der überschrittenen großen DreiNull zu tun gehabt haben, andererseits aber auch mit der Erkenntnis, dass die Fragen, die mich aus Kiel herausgetrieben hatten nicht von außen beantwortet werden können – und somit auch nichts mit Plätzen zu tun haben, an denen man lebt - sondern nur von innen heraus.
Und außerdem, tja…hat sich Kiel ja auch mächtig verändert, muss ich schon sagen. Man merkt an allen Ecken und Enden, dass der durch die Kreuzfahrtbranche boomende Tourismus eine Menge Geld in die Stadt spült. Außerdem scheint irgendjemandem in der Stadtverwaltung dann endlich mal aufgefallen zu sein, dass Kiel ja eine Stadt am Wasser ist. Anders kann ich mir nicht erklären, dass an der Hörn plötzlich eine völlig neue Infrastruktur aus dem Boden schießt, es Pläne für eine Philharmonie über dem Wasser gibt und sogar für einen Millionärsyachthafen (den ich persönlich jetzt eher höchst überflüssig finde, aber gut, jeder wie er kann…).
Ja hallo, was geht da?
Was das Nachtleben angeht, so ist hier immer noch nicht viel los. Aber zum Glück bin ich jetzt schon in einem Alter, wo so was nicht mehr die gleiche Anziehungskraft wie früher hat. Wenn’s doch mal ganz bös juckt, fährt man halt nach Hamburg. Nette Kneipen, Bars und Restaurants gibt es hier allemal auch. Zudem merkt man in Kiel überall, dass die Stadt am Wasser liegt – das tut Hamburg zwar auch, aber wo merkt man das schon wenn man jetzt nicht direkt an der Elbe steht? In Kiel halten die Kreuzfahrtschiffe am Hauptbahnhof.
Der letzte Sommer war außerdem der erste seit meiner Kindheit, in dem ich das, was Kiel’s tollstes Verkaufsargument ist, mal wieder richtig ausgenutzt habe – die Strände! Ich meine – hallo – was für ein Luxus ist das, sich überlegen zu können, an WELCHEN Strand man denn heute am liebsten fährt?
Bekanntlich ist Kiel ja auch eines der besten Segelreviere der Welt. Nun kann ich durchaus segeln, komme aber leider nicht sehr häufig dazu. Was blöd ist, denn theoretisch kann man hier im Sommer auch mal eben nach Feierabend noch mal schnell raus.
An dieser Stelle möchte ich dann auch mal eine Lanze für das als mies verschrieene Kieler Wetter brechen – ja, gut. Es ist durchaus so, dass der Himmel hier schon mal wochenlang am Stück grau sein kann. Mit Regen von allen Seiten. Und Wind, der Augenbluten verursacht. Aber dafür gibt es hier immer, wirklich immer frische Luft und wenn die Sonne dann rauskommt, blüht die Stadt einfach auf!
Das Wasser, die offenen Bewohner mit ihrem kodderigen Humor, die Kauzigkeiten einer Stadt, die gerne Großstadt sein will und es doch nie schafft – all das sind gute Argumente, hier in Kiel gerne zu wohnen. Was ich voraussichtlich jetzt auch für den Rest meines Lebens tun werde. Glaub ich. Kann man bei mir nie definitiv sagen.
Wo bin ich?
Einen weiteren Schritt in der Neuentdeckung meiner alten Stadt habe ich vergangenen Samstagmorgen gemacht – ich musste meiner Mutter helfen, ihren Flohmarktstand auf dem Fachhochschulgelände aufzubauen. Dieses Gelände liegt auf dem sehr verrufenen Ostufer der Förde. Meistens reicht ja ein hoher Ausländer- und Hartz4-Empfängeranteil schon für einen schlechten Ruf. Beim Durchfahren durch die engen Gassen hab ich allerdings gedacht, dass das hier und da eigentlich ziemlich charming ist…Also – WENN man irgendwo noch das alte Kiel sehen kann, dann da. Ihr wisst schon – altes Kopfsteinpflaster, der Schuster neben dem Tante-Emma-Laden, Jahrhundertwendehaus neben Gartenhütte. Ich kann ja gut auf so was. Nicht ohne Grund hab ich mich in Hannover so wohl gefühlt während meines einjährigen Besuchs.
Ich gehe zur Zeit besonders offenen Auges durch die Stadt, da ich mich mal wieder auf Wohnungssuche befinde. Diesmal soll es allerdings was zum Kaufen sein, nicht zum Mieten. Und da kuckt man natürlich etwas gründlicher. Seit Samstag scheint mir, ich sollte das Ostufer Kiel’s nicht kategorisch ausschließen – zumindest stehen hier die Chancen gut, für schmales Geld was mit Fördeblick zu kriegen.
Schließlich muss ich die Butze in 6-7 Jahren auch wieder verkauft kriegen. Dann will ich doch bauen. Im schönen Eidertal.
Davon erzähl ich dann bei nächster Gelegenheit in einer schriftlichen Exkursion ins wunderschöne Kieler Umland.
P.S. Popstar bin ich nie geworden!