Uwe geht zu Fuss

Juni 3, 2009

Ich könnt es mir jetzt einfach machen und sagen „Los Leute, kucken!“ oder gar „kaufen!“. Aber vielleicht erzähl ich doch noch mal was…

„Uwe geht zu Fuss“ ist laut Regisseur Florian von Westerholt ein „Low budget, big heart“-Film: Die Geschichte über den Heikendorfer Uwe Penzel, der 1943 mit dem Down Syndrom geboren wurde und damit zu den ältesten Deutschen mit diesem Gendefekt gehört. Die Geschichte handelt aber auch von der Gemeinde Heikendorf und dem selbst verständlichen, natürlichen und liebevollen Umgang mit Uwe. Uwe ist 1. Betreuer des lokalen Fussballvereins, Löffelträger der Heikendorfer Knochenbruchgilde, Mitglied der Laientheatergruppe und war einst, als er noch etwas mobiler war, einer der begehrtesten Tanzpartner weit und breit. Darüber hinaus ist er vor allem ein guter Freund von nahezu jedem der 8.000 Einwohner des Dorfes am Ufer der Kieler Förde.

Soweit zum Inhalt…was sich schwer beschreiben lässt, ist die Wärme, die der Film vermittelt. Wann kommt man schon mal  aus dem Kino und fühlt sich so richtig erfüllt? Gut, die Tatsache dass beinahe jeder, der in dem Film vorkam, inklusive der Hauptperson Uwe, mit im Kino sass, hat natürlich zur Atmosphäre beigetragen.

Vor allem aber hat der Film einen dieser wenigen, wertvollen Momente geschaffen, in denen man daran erinnert wird, was wirklich wichtig ist: Familie, Freunde, ein Zuhause und sich noch an einfachen Dingen erfreuen zu können. Inmitten der Jagd nach Anerkennung, Steuervorteilen und  Anschaffungen mal innezuhalten und die Magie des Augenblicks wahrzunehmen. Die Maßstäbe anderer Menschen anzuerkennen, auch wenn man sie nicht unbedingt teilt. Zu erkennen, dass in einer kleinen Welt aus Schützenfesten, Kreisligafussballspielen und sonntäglichen Spielmannszügen so mancher mehr Glück findet als Andere, die auf ihrer Suche nach Glück um die ganze Welt gehetzt sind.

So könnt ich jetzt noch Stunden weiterschreiben… aber ich sag nur noch mal „Kucken!“ oder „Kaufen und Kucken!“ und dann bin ich mal gespannt, ob der Film auf Leute ohne Waldorf-Vergangenheit und erhöhten Sentimentalitätsspiegel die gleiche Wirkung hat. Für Kieler oder Kiel-Fans ohnehin ein Muss, aber auch sehenswert für Leute, die echte Geschichten über echte Menschen mögen.

Morgen gibt’s den Film noch mal im Metro zu sehen, danach ist irgendwie unklar, wie es mit ihm weitergeht, zumindest was öffentliche Aufführungen angeht. Aber, wie gesagt, man kann ihn auch kaufen. Jetzt los!

Danke an Andre der mich mit diesem Beitrag auf den Film aufmerksam gemacht hat und meine Chorfreundin Yvette, die mich zur Premiere mitgenommen hat.


Ein Stück altes Kiel zum Schnäppchenpreis

März 18, 2009

Unsere schöne, schrullige kleine Landeshauptstadt wird sich in den nächsten Jahren daran machen, das durch den Tourismus in die Kassen gespülte Geld möglichst sinnvoll wieder zu verbraten. Für den neuen Fährterminal der Schweden-Linie und die viel gerühmten Germania-Arkaden sind bereits die ersten Spatenstiche erfolgt. Streit gibt es wohl noch um die Rathaus-Galerie, und zu einem weiteren Projekt habe ich bis jetzt nur unbestätigte Gerüchte gehört – es ist wohl so, dass es Pläne gibt, irgendwelche total durchgedrehten Investoren dazu zu bringen, ein weiteres Einkaufszentrum zu bauen das die komplette rechte Seite des oberen Endes der Holstenstraße einnimmt, genauer gesagt vom heutigen Leik bis zu Karstadt. Für diejenigen, die Kiel nicht kennen: Das ist viel.

Nun erscheint mir das einerseits wie der totale Wahnsinn…denn nur, weil man noch mehr Geschäfte baut, erhöht sich ja nicht die Kaufkraft einer Stadtbevölkerung. Andererseits ist es wohl so, dass man versuchen will, zumindest einen Teil der Kaufkraft wieder aus dem in der Vorstadt errichteten Citti-Park zurück in die Innenstadt zu ziehen. Ein mutiges Vorhaben, immerhin kann dieser drölf Gazillionen kostenlose Parkplätze für sich verbuchen.

Darüber hinaus hätte eine solche Passage natürlich einen Standortvorteil, was die Ausnutzung der Touristenströme angeht: Die Schwedenlinienpassagiere und alle, die mit ihrem Kreuzfahrtschiff am Ostseeterminal anlegen, müssen nur betrunken von der Gangway fallen, um im Shopping-Paradies ihrer Träume zu stehen.

Sei’s drum. Die machen das eh wie sie wollen, mich fragt ja keiner. Würde man es doch tun, würde ich für den Erhalt und die Förderung der kleineren Einzelhandelsgeschäfte hier oben plädieren. Ein Konzept, das sich im Falle der Holtenauer Straße voll bewährt hat.

Hier oben? Ja. Es ist nämlich justamente so, dass ich mein Büro auf der LINKEN Seite des oberen Endes der Holstenstraße habe und somit Anwohner bin. Natürlich interessiert mich, was hier passiert. Allerdings gebe ich mein Büro in wenigen Monaten auf, was von Vorteil sein könnte, wenn sich das hier in eine monatelange Großbaustelle verwandeln sollte.

Heute habe ich einen der ersten Dominosteine, die im Zuge der Bauplanung fallen werden, das erste Mal seit langem wieder von innen betrachtet. „Der obere Karstadt“ ist in Kiel ein so genanntes „Traditionshaus“. Ich könnte es jetzt googlen um rauszukriegen, wie lange der schon da steht. Aber ich lass es. Auf jeden Fall schon länger als ich auf der Welt bin. Es gehört nämlich zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen, an der Hand meiner Mutter auch den letzten Winkel dieses Kaufhauses zu durchstöbern. Hier ging ich auch das erste Mal verloren, so daß meine Ma über die Lautsprecheranlage ausgerufen werden musste. Hier wurde ich das erste und letzte Mal beim Ladendiebstahl erwischt (Strafe ist abgesessen, deshalb erzähl ich das hier so fröhlich). Kurzum: Der alte Karstadt ist für mich ein Sinnbild der Stadt, in der ich (wenn auch ungern) groß geworden bin.

Wenn man, wie heute geschehen, durch das Warenparadies stromert merkt man, dass das Kaufhaus in den letzten Zügen liegt. Das ist sicherlich nicht nur eine Folge der Stadtplanung, sondern auch der – wie erwähnt – abgezogenen Kaufkraft, der Wirtschaftskrise und womöglich auch der Ausblutung durch den eigenen Konzern – ein größeres, schöneres Karstadt befindet sich nämlich am anderen Ende der Holstenstraße. Trotzdem ist es deprimierend, die langen Gesichter hinter den Kassen zu sehen. Auf zwei Etagen gibt es mittlerweile nur noch Ramschware in Grabbelkisten. Im Rest des Hauses ist die sonst für Karstadt typische liebevolle Präsentation irgendwie untergegangen.

Was ich auch noch vermissen werde, wenn das Geschäft eines Tages nicht mehr da ist: Nur bei Karstadt (gut, vielleicht noch bei Ikea) passiert es mir, dass ich nie das finde was ich haben wollte und stattdessen mit Zeugs zurück komme, von dem ich nie wusste, dass ich es haben wollte…starring today – nicht gefunden: Jamie Cullum CD, 1 x Salat zum Mitnehmen. Gefunden: 1 Poncho, 1 gepunktetes Halstuch. Schnäppchen halt, die gibt’s natürlich in einem ausblutenden Geschäft noch und nöcher.

Aber genug genölt: Letzten Endes begrüße ich natürlich das Ansinnen, Kiel attraktiver zu machen, auch wenn ich es nicht unbedingt immer richtig kanalisiert sehe. Streng genommen kann man es aber nur besser machen, als es in Kiels dunkelster Bauphase – von 1945 an bis ungefähr letzte Woche – geschehen ist. Bin gespannt, wie unsere hässliche, liebenswerte kleine Stadt in 10 Jahren aussieht.

Übrigens habe ich mich in den frühen Tagen dieses Blogs schon mal ausführlich zum Thema Kiel ausgelassen, wer das noch mal nachlesen möchte, der möge doch rechts auf das Laberlabel  „Kiel“ klicken.


Mizzie’s Futter-Test: Pizza vom neuen Kieler Bringdienst

Oktober 23, 2008

Fast genau so toll wie Musik finde ich ja Essen. Eine besondere Schwäche hab ich für alle möglichen Brot/Käse-Kombinationen und so steht Pizza natürlich ganz oben auf meinem Speiseplan.

In Kiel hat gerade ein neuer Pizza-Bringdienst eröffnet, den ich heute Nachmittag mal aus gegebenem Anlass (akutem Zeitmangel) ausprobiert habe. Siehet das Ergebnis….

Direktlink

Über den Direktlink könnt ihr noch n büschn an der Bildqualität schrauben, die is leider erbärmlich. Bei google sehen die Filme besser aus, aber ich kann mich irgendwie gerade nicht da einloggen…

Mir wurde letztens gesagt, man müsse mich schon seeehr gut kennen oder seeehr interessant finden, um meine ellenlangen Filme zu kucken…deshalb hab ich mich mal ausnahmsweise auf das Wichtigste beschränkt. Für die Leute, die mich nicht kennen oder uninteressant finden.

Solche Futter-Tests mach ich jetzt öfter. Besonders interessant könnte das in Norwegen werden, vielleicht trau ich mich ja an Fiskepudding. Wenn ich vorher fünf Schnäpse getrunken hab.


Alte Stadt, neu entdeckt – Teil 2

August 17, 2008

Fortsetzung hiervon

„Du siehst mich nie wieder…“

Aber mit 17 wusste ich das noch nicht. Ich wollte nur weg. Kiel war hässlich, da war nix los und beruflich gab es für meine hehren Pläne auch nicht viel zu reissen. Bis 20 hab ich noch durchgehalten und zog dann erst mal relativ planlos nach Berlin. Das war Mitte der 90er Jahre, die neue Hauptstadt war damals fest in russischer Hand und es begann gerade das große Aufgemische durch nationale und internationale Investoren. Nahezu unterträglich für ein Landei wie mich.

Nach 6 Monaten hielt ich es nicht mehr aus und verkroch mich wieder bei meinen Eltern in Kiel. Zudem kam ich zu dem Schluß, dass ich mich doch noch mal um einen anständigen Schulabschluss bemühen sollte. (Ich hatte zwar einen, aber keinen, der meiner Intelligenz halbwegs angemessen wäre). Also, zurück nach Kiel, zurück zur Schule und insgeheim war ich auch ganz froh drüber.

Nach Abschluss meiner zweiten Schulkarriere war ich dann endlich soweit. Mit deutschen Hauptstädten gab ich mich diesmal gar nicht erst ab, nein, die Hauptstadt des British Empire sollte es diesmal sein – London. Dort gefiel es mir auch sehr gut. Durch Umstände, die mit meinem dringenden Wunsch Popstar zu werden zu tun hatten (ja, das gab’s auch schon pre-Castingshows), verschlug es mich aber nach einem Jahr wieder nach Hamburg.

In Hamburg hab ich dann insgesamt 7 Jahre gelebt, unterbrochen von einem Jahr in Hannover. Hamburg liebe ich noch heute und es wäre auch meine erste Wahl, wenn es jemals woanders hingehen soll.

Aber… Anfang 2007 verschlug es mich aus familiären Gründen wieder zurück nach Kiel. Mit fliegenden Fahnen bin ich diesen Schritt nicht gerade gegangen. Ich empfand es zunächst als echten Rückschritt, denn ich war doch so froh gewesen, es aus Kiel „rausgeschafft“ zu haben.

Nach ein paar Monaten stellte jedoch fest, dass es okay war. Die Hummeln in meinem Hintern hatten sich zur Ruhe gesetzt. Das mag einerseits mit der überschrittenen großen DreiNull zu tun gehabt haben, andererseits aber auch mit der Erkenntnis, dass die Fragen, die mich aus Kiel herausgetrieben hatten nicht von außen beantwortet werden können – und somit auch nichts mit Plätzen zu tun haben, an denen man lebt -  sondern nur von innen heraus.

Und außerdem, tja…hat sich Kiel ja auch mächtig verändert, muss ich schon sagen. Man merkt an allen Ecken und Enden, dass der durch die Kreuzfahrtbranche boomende Tourismus eine Menge Geld in die Stadt spült. Außerdem scheint irgendjemandem in der Stadtverwaltung dann endlich mal aufgefallen zu sein, dass Kiel ja eine Stadt am Wasser ist. Anders kann ich mir nicht erklären, dass an der Hörn plötzlich eine völlig neue Infrastruktur aus dem Boden schießt, es Pläne für eine Philharmonie über dem Wasser gibt und sogar für einen Millionärsyachthafen (den ich persönlich jetzt eher höchst überflüssig finde, aber gut, jeder wie er kann…).

Ja hallo, was geht da?

Was das Nachtleben angeht, so ist hier immer noch nicht viel los. Aber zum Glück bin ich jetzt schon in einem Alter, wo so was nicht mehr die gleiche Anziehungskraft wie früher hat. Wenn’s doch mal ganz bös juckt, fährt man halt nach Hamburg. Nette Kneipen, Bars und Restaurants gibt es hier allemal auch. Zudem merkt man in Kiel überall, dass die Stadt am Wasser liegt – das tut Hamburg zwar auch, aber wo merkt man das schon wenn man jetzt nicht direkt an der Elbe steht? In Kiel halten die Kreuzfahrtschiffe am Hauptbahnhof.

Der letzte Sommer war außerdem der erste seit meiner Kindheit, in dem ich das, was Kiel’s tollstes Verkaufsargument ist, mal wieder richtig ausgenutzt habe – die Strände! Ich meine – hallo – was für ein Luxus ist das, sich überlegen zu können, an WELCHEN Strand man denn heute am liebsten fährt?

Bekanntlich ist Kiel ja auch eines der besten Segelreviere der Welt. Nun kann ich durchaus segeln, komme aber leider nicht sehr häufig dazu. Was blöd ist, denn theoretisch kann man hier im Sommer auch mal eben nach Feierabend noch mal schnell raus.

An dieser Stelle möchte ich dann auch mal eine Lanze für das als mies verschrieene Kieler Wetter brechen – ja, gut. Es ist durchaus so, dass der Himmel hier schon mal wochenlang am Stück grau sein kann. Mit Regen von allen Seiten. Und Wind, der Augenbluten verursacht. Aber dafür gibt es hier immer, wirklich immer frische Luft und wenn die Sonne dann rauskommt, blüht die Stadt einfach auf!

Das Wasser, die offenen Bewohner mit ihrem kodderigen Humor, die Kauzigkeiten einer Stadt, die gerne Großstadt sein will und es doch nie schafft – all das sind gute Argumente, hier in Kiel gerne zu wohnen. Was ich voraussichtlich jetzt auch für den Rest meines Lebens tun werde. Glaub ich. Kann man bei mir nie definitiv sagen.

Wo bin ich?

Einen weiteren Schritt in der Neuentdeckung meiner alten Stadt habe ich vergangenen Samstagmorgen gemacht – ich musste meiner Mutter helfen, ihren Flohmarktstand auf dem Fachhochschulgelände aufzubauen. Dieses Gelände liegt auf dem sehr verrufenen Ostufer der Förde. Meistens reicht ja ein hoher Ausländer- und Hartz4-Empfängeranteil schon für einen schlechten Ruf. Beim Durchfahren durch die engen Gassen hab ich allerdings gedacht, dass das hier und da eigentlich ziemlich charming ist…Also – WENN man irgendwo noch das alte Kiel sehen kann, dann da. Ihr wisst schon – altes Kopfsteinpflaster, der Schuster neben dem Tante-Emma-Laden, Jahrhundertwendehaus neben Gartenhütte. Ich kann ja gut auf so was. Nicht ohne Grund hab ich mich in Hannover so wohl gefühlt während meines einjährigen Besuchs.

Ich gehe zur Zeit besonders offenen Auges durch die Stadt, da ich mich mal wieder auf Wohnungssuche befinde. Diesmal soll es allerdings was zum Kaufen sein, nicht zum Mieten. Und da kuckt man natürlich etwas gründlicher. Seit Samstag scheint mir, ich sollte das Ostufer Kiel’s nicht kategorisch ausschließen – zumindest stehen hier die Chancen gut, für schmales Geld was mit Fördeblick zu kriegen.

Schließlich muss ich die Butze in 6-7 Jahren auch wieder verkauft kriegen. Dann will ich doch bauen. Im schönen Eidertal.

Davon erzähl ich dann bei nächster Gelegenheit in einer schriftlichen Exkursion ins wunderschöne Kieler Umland.

P.S. Popstar bin ich nie geworden!


Alte Stadt, neu entdeckt – Teil 1

August 16, 2008

Ich kam an einem Sonntagmittag im Januar in Kiel zur Welt. Zu der Zeit wohnten meine Eltern noch mit meinen drei älteren Geschwistern in einer 2 1/2-Zimmer-Wohnung in einem westlichen Viertel der Stadt, das in den 60er Jahren hoffnungsfroh als familienfreundliche Neubausiedlung aus Kartoffelackern in den Himmel geschossen war. Um die Zeit meiner Geburt herum begann allerdings der unvermeidbare Abstieg von „Mettentown“, der in den 80er und 90er Jahren seinen Höhepunkt erreichte, gerüchteweise aber mittlerweile die Talsohle durchlaufen hat und wieder besser wird.

Mir konnte das aber egal sein – etwa eineinhalb Jahre nach meiner Geburt wurde es mit 6 Personen auf 80 qm dann doch mal zu eng. Mein Vater eröffnete zeitgleich eine Massagepraxis in der nächst gelegenen Kreisstadt Plön und so entschied man sich, mit Kind und Kegel näher an die Praxis ranzuziehen, trotzdem aber meinen Geschwistern weiterhin den Schulweg nach Kiel bzw. Rendsburg zu ermöglichen. Raisdorf sollte es sein, behördlich schon eins der ersten Dörfer im Kreis Plön, faktisch aber eigentlich so was wie die östlichste Vorstadt von Kiel.

Ich wuchs, wie an anderer Stelle schon mal erwähnt, recht behütet auf und hatte zudem bis zu meinem ca. 13 Geburtstag nur Pferde im Kopf, wie alle Mädchen. Seit der 3. Klasse ging ich in Kiel zur Schule und so ergab es sich, dass ich irgendwann eigentlich sämtliche freundschaftlichen Kontakte „in der Stadt“ pflegte und in meiner ländlichen Region sehr wenig verwurzelt war. Das Dorf war mir immer schon zu klein.

Als ich so 16, 17 war wurde mir langsam klar, dass mir auch Kiel sehr bald zu eng werden würde. Und ich beschloss schon damals, dass ich bei erster Gelegenheit die Biege machen würde.

Holstenstadt tom Kyle

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs für meine zweieinhalb Leser, die Kiel vielleicht überhaupt nicht kennen. Die Stadt schmiegt sich um eine der vielen Ostsee-Wasserstraßen, die Kieler Förde. Historisch wurzelt die Stadt im Mittelalter, war einst eine der nördlichsten Städte des Heiligen Römischen Reiches und Jahrhunderte lang Streitobjekt zwischen Dänemark und deutschen Herzogen. Im Preußischen Kaiserreich wurde hier die Marine etabliert, die die Stadt heute noch prägt. 1918 wurde Kiel zur Brutstätte der einzigen deutschen Revolution: Der Matrosenaufstand im November erfasste von hier aus das ganze Land und hatte nicht nur das Ende des 1. Weltkriegs für Deutschland, sondern auch gleich der Monarchie zur Folge.

In der Kieler Förde zweigt der Nord-Ostsee-Kanal ab, eine der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt. International ist dieser als „Kiel Canal“ bekannt. In England hab ich mal einem alten Mann erzählt, wo ich herkomme – er so: „Oh yeah I know Kiel Canal“, und sein sich verfinsternder Blick sagte eigentlich alles…

Kiel ist nämlich international vor allem durch sein dunkelstes Kapitel bekannt: Im 2. Weltkrieg spielte sie eine sehr wichtige Rolle in den Angriffs- und Verteidigungsplänen der nationalsozialistischen Kriegstreiber, nicht nur aufgrund der geografischen Lage mit Zugang zu Nord- und Ostsee, sondern vor allem aufgrund der örtlichen Schiffsindustrie. In Kiel wurden die besten U-Boote und Kriegsschiffe der Welt gebaut.

Das hatte dann leider zur Folge, dass Kiel natürlich ins Visier der allierten Mächte geriet, als das Blatt begann sich zu wenden. Im Frühjahr 1945 wurden durch Luftangriffe ca. 80 % der Stadtfläche zerstört, in der Innenstadt lag kein Stein mehr auf dem anderen. Aber da kann man ja fast noch von Glück sprechen – wenn Deutschland nicht zu diesem Zeitpunkt kapituliert hätte, wäre Kiel womöglich mit Hamburg auch eher ein Ziel der ersten amerikanischen Atombomben geworden. Aber das ist Spekulation.

Eine direkte Folge ist allerdings, dass Kiel quasi keine Altstadt hat und ansonsten ziemlich unter den Bausünden der Aufbaujahre leidet. Ganz wichtige Gebäude wie z. B. Rathaus oder Nikolaikirche wurden halbwegs originalgetreu wieder aufgebaut, aber für’s Schloss hat es dann schon nicht mehr gereicht. Ortsfremde Besucher sind immer wieder baff erstaunt darüber, dass DAS ein Schloss sein soll. Obwohl es in den Randgebieten auch sehr schöne Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert gibt, ist der Großteil des Stadtbildes doch eher von einer….hm…sagen wir mal, praktisch gedachten Bauweise geprägt.

Für Liebhaber von Prachtboulevards, Patriziervillen und Skyscrapern hat Kiel also nicht viel zu bieten. Solche Leute müssen dann eben nach Berlin, Hamburg oder Frankfurt fahren. Kiel ist eine Stadt für Leute mit Auge fürs Detail. Ihre Liebenswürdigkeit erschließt sich nicht in der Betrachtung, sondern im Eintauchen ins Leben. Denn auch Kiel hat diesen Charme aller Städte, die direkt am Wasser liegen. Man muss halt nur genauer hinkucken.

Aber mit 17 wusste ich das noch nicht….(Fortsetzung folgt)


Kieler Woche is nix für Weicheier

August 12, 2008

Der Sommer 1998 war einer der besten meines Lebens: Im zweiten Anlauf hatte ich dann endlich mal halbwegs erfolgreich die Schule hinter mich gebracht und befand mich auf dem Sprung über den Kanal – Kiel hatte ausgedient, es zog mich zum Studieren nach London.

Aber bevor es so weit sein sollte, erlebte ich noch einen zauberhaften, fröhlichen Sommer von der Art, wie man ihn nur haben kann wenn man den großen Deich erklommen hat und das Leben wie ein endloser Ozean voller Möglichkeiten vor einem liegt.

Die Kieler Woche jenes Jahres hab ich in vollen Zügen ausgekostet. So was ist allerdings teuer, wenn man noch nicht arbeitet. Mit meiner Freundin Schlemmer-Mele hatte ich zu der Zeit schon etwas Musik gemacht und was lag da näher, als der Versuch damit Geld zu verdienen? So beschlossen wir kurzerhand, während der ganzen 10 Tage zu „busken“, also Straßenmusik zu machen.

Gesagt, getan – wir probten so drei Tage ziemlich intensiv und erweiterten unser Standard-Lagerfeuer-Repertoire um ein paar aktuelle Hits, so z. B. „Männer sind Schweine“ von den Ärzten und „Über den Wolken“ in der durch Dieter Thomas Kuhn inspirierten spanischen Schlagerversion. Der zweistimmige Gesang klang ziemlich amtlich und nach den drei Rehearsal-Tagen saßen auch alle drei Akkorde. Nee, ernsthaft, insgesamt waren es bestimmt 20.

Unsere Freundin Safari meldete sich freiwillig als mit-dem-Hut-Rumgeherin. Am Eröffnungstag verließ uns noch kurzfristig der Mut. Aber am zweiten Tag gingen wir dann mit der überlebensnotwendigen „Scheiss drauf“-Einstellung frisch zu Werk.

Die ersten 10 Minuten taten noch weh…aber wenn erst mal die ersten Leute stehen bleiben, mitgrölen und die ersten Münzen im Hut klimpern, wird es plötzlich ganz leicht. Unsere größten Hits waren dann auch tatsächlich die beiden oben genannten Titel sowie das obligatorische „Take me home, country roads“ – alles genau das richtige für vorbeiziehende Horden von Junggesellenabschiedsfeiernden.

Wir spielten dann für den Rest der Woche immer so zwei Sets á 40 Minuten am Abend, vielleicht auch mehr oder weniger. Ich weiß es nicht mehr. Was ich hingegen noch genau weiß ist, dass wir jeden Abend genug Geld verdienten um drei halbwegs erwachsenen und trinkfesten Frauen ausreichend Bier für einen Vollrausch einzuflössen. Manchmal reichte es auch noch für einen mehr, da war zum Beispiel dieser entzückende Matrose von der Gorch Fock der….

Na egal – auf jeden Fall war das mit Abstand die lustigste Kieler Woche, die ich je erlebt hatte. Bis, ja bis… genau 10 Jahre später, 2008. Die gerade vergangene Kieler Woche hab ich fast genau so abgefeiert. Nur ohne die Musik, denn mittlerweile hab ich ja einen richtigen Job. Irgendwie brauchte ich das in Gedenken an…. Allesmögliche.

Aber Kieler Woche kommt ja jedes Jahr…also wer weiß, vielleicht sieht man mich 2009 wieder mit der Gitarre an der Kiellinie stehen. Just for the hell of it.

von links: Schlemmer-Mele, Mizzie, (im Hawaihemd) unsere Geldsammlerin Safari

P.S. Dem aufmerksamen Betrachter wird nicht entgehen, dass wir verschiedene Akkorde greifen…. aber ich kann euch heute nicht mehr sagen, wer da falsch und wer richtig lag.


The evil ü30-Party from hell

August 9, 2008

Seit ich wieder in Kiel wohne, hab ich mich zweimal in verschiedenen Locations auf eine ü30-Party getraut. Gut, jetzt weiß ich wenigstens was da so passiert. Jedenfalls nichts für mich.

Das primäre Problem ist mal wieder die Musik. Wenn mich stundenlang die falsche Musik beschallt, krieg ich nun mal wirklich schlechte Laune. Dabei liiieeebe ich Discomucke á la Donna Summer, Sister Sledge und Bee Gees, was nun – so möchte man meinen – für so eine Veranstaltung der perfekte Soundtrack wäre. Denn schließlich ist man nur zum Tanzen und Baggern da.

Aber nein. Für diejenigen über 30, die sich tatsächlich nicht entblöden zu zweit dann im Discofox übers Parkett zu schieben, gibt es bösen, bösen Dorfdisko-Pop der Jahrzehntenwende 70/80er Jahre und ein paar Jahre danach. Musikalisch ein dunkles Kapitel, wie ihr wisst. Mir fällt nicht mal mehr ein Beispieltitel ein, weil diese Musik normalerweise auf meinem Radar nicht auftaucht. Gerne gehört in diesem Zusammenhang natürlich auch: Die unselige Neue Deutsche Welle.

Wenn mich an besagtem Abend jemand zum Tanzen aufgefordert hätte (wofür die Wahrscheinlichkeit dank des schleunigst aufgesetzten „Evil Mizzie“-Gesichtes denkbar gering war), wäre ich ihm wohl mit gebleckten Zähnen an die Gurgel gegangen. Denn erstens kann ich keinen Discofox, hab ja nie eine Tanzschule von innen gesehen. Und zweitens hätte ich ja davon ausgehen müssen, dass dieser Mann mir grundsätzlich nichts Gutes will, wenn er mich zu Beginn unserer Begegnung gleich in dieses Moloch hinabzieht.

Auf zweiter besagter ü30-Veranstaltung dann wurde das zweifelsohne düsterste Kapitel der Musikgeschichte abgefeiert: Eurobeat. Für die jung gebliebenen ü30er, die vielleicht in den 90er Jahren auch noch mal eine Dorfdisco von innen gesehen haben. Man mag nicht glauben, wie manche Leute zu 2 Unlimited und Dr. Alban abgehen können. Da schätzt man sich dann schon glücklich, wenn zwischendurch mal Kajagoogoo gespielt wird. Dass man erst so tief sinken muss.

Zu meinem Unglück wird auf solchen Parties die einzige musikalische Mainstream-Phase der 80er, die ich halbwegs interessant finde, komplett ausgeblendet: Die Jahre 86 bis 89! Das ist Musik, die klingt dann für mich nach endlosen Sommern, ersten Knutschereien, das erste Mal in die Disko dürfen (Ströhmann & Brinck, schlimme aber angesagte Institution in Kiel damals), erste Alkoholtests (viel zu bunt und viel zu stark) und diese vermaledeite erste Zigarette, die ich hätte lassen sollen.

Warum fällt mir das heute ein? Weil ich einen einzigen 80er Jahre-Sampler besitze, den ich irgendwie immer dann auflege wenn ich umziehe oder renoviere. Wie gestern geschehen, also, Renovierung. Und da sind sie alle: Blow Monkeys, Wham, Erasure, Living in a box, S’Express, Level 42, Nu Shooz, Joyce Sims, Taylor Dayne und, und, und…. so muss das sein. Da kann ich selbst in einem Ganzkörper-Plastikanzug mit Farbrolle in der Hand und barfuss in meinem eigenen Wohnzimmer das Tanzen nicht lassen. Und keine Chance für Evil Mizzie, denn: Ich lächle.

Also, liebe Celia – find mir eine ü30 mit solcher Musik, und dann geh ich da auch mit dir hin ;-)

Und zur Erinnerung hier mein Lieblingstitel von dieser CD: Er erinnert mich an den ersten verschämten Tanz mit jemandem – damals nannte man es wohl „Schwarm“ – der dann später unvermutet noch eine größere Rolle in meinem Leben spielen sollte…. Take it away, Wax:


Das Straßenverkehrsordnungsamt, es lebe hoch!

August 7, 2008

Auf dem Weg aus der Stadt raus, der B 76 Richtung Osten, gibt es neuerdings gleich hinter der Stadtgrenze eine höchst fragwürdige Geschwindigkeitsbegrenzung: Noch ca. 300 m vorher kriegt man den Freifahrtschein für 100 km/h. Dann möge man freundlichst auf 50 km/h runterbremsen, um 100 Meter weiter wieder auf 70 und schließlich wieder auf 100 km/h zu beschleunigen.

Natürlich steigen am 50-Schild erst mal alle panisch auf ihre Eisen. Es staut sich grundsätzlich und es herrscht Unfallgefahrenstufe 1.

Ja, aber warum nur wird man auf einer Bundesstraße plötzlich gebeten, auf 50 runterzubremsen??

Die Begründung mutet höchst seltsam an: „Brückenschäden!“ vermeldet das eiligst installierte Straßenschild. Ach so, klar – langsamer fahren, um ein Einstürzen der Brücke zu verhindern! Dann is ja gut.

Da hat mal einer RICHTIG mitgedacht, finde ich. Ich freue mich immer über Gelegenheiten die mir zeigen, dass meine Steuergelder sinnvoll eingesetzt werden.

Weiß doch schließlich jeder, dass Autos leichter werden, wenn man langsamer fährt!

Deshalb widme ich diesen Eintrag dem Mitarbeiter im Straßenverkehrsordnungsamt der Stadt Kiel (wenn es so was gibt), der seinen Job so ernst nimmt. Danke, Mann!