Foto mit Geschichte-Stöcki

November 30, 2008

Ich habe von Aquii ein wunderbares Stöckchen bekommen, was mitn büschn Seele, also ganz nach meinem Geschmack…

Die Aufgabe ist, das schönste oder bedeutendste Bild rauszusuchen, das man so hat, und seine Geschichte zu erzählen. Meine Geschichte ist keine fröhliche, auch wenn man das dem Bild nicht unbedingt gleich entnehmen kann. Aber die Natur dieses Stöckchens lädt natürlich etwas dazu ein, sentimental zu werden… Da mein norddeutscher Sprecheinschlag ein Argument für Aquii war, mir dieses Stöckchen gezielt zuzuwerfen, gibt es diesmal ausnahmsweise die Geschichte nicht niedergeschrieben, sondern erzählt. Passt aber auch irgendwie.

Hier also zunächst das Bild:

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Und hier der Ton:

Schaukeln bis zu’n Himmel (Am besten im Extrafenster öffnen, zurücklehnen, Foto ankucken und zuhören…)

So, und fast ausnahmsweise will ich dieses Stöckchen mal gezielt weiterwerfen an Leute, von denen ich weiß, dass sie auch gerne mal Fotos machen und vielleicht was dazu erzählen möchten – also: Elsbe, Thommy, Schaps, Michi, Oasenhoheit, Daniela, Micha, Herr März, Miss Liss, Micmox und Andre, fühlt euch direkt angesprochen, aber natürlich ist auch jeder andere eingeladen, es aufzusammeln… muss ja nicht sentimental, kann ja auch ne lustige Geschichte sein – vielleicht etwas, was sich für diese Website eignet??

UPDATE: Ich hab das Foto gefunden von mir selbst in der Schaukel…da muss ich so vier Jahre alt gewesen sein, das Viech da neben mir hieß „Griselda“ und war zu der Zeit ungefähr genau so groß wie ich. Ein Esel. Und jetzt, wo ich das so seh fällt mir auf, dass es auch den zur Schaukel gehörenden Rattan-Beistelltisch noch gibt – in meinem Wohnzimmer!

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Tante Mizzie im Einsatz

November 1, 2008

Wenn man wie ich eine 10-köpfige Herde von Nichten und Neffen sein Eigen nennt, kann es gelegentlich schon mal vorkommen, dass einem unerwartet ein Kind aufs Auge gedrückt wird. Gestern Abend wurde ich gebeten, die 6-jährige Tochter von  meinem Bruder nach der Sportstunde in der Uni abzuholen und sie eine Weile zu bespaßen, bis er mit seinem Termin durch sei.

Gut…ich hab mich tierisch ins Zeug gelegt, pünktlich zu sein da mein Bruder mir schon gesagt hatte, Lilse hätte sich vor dem Sport drücken wollen aus Angst, sie müsse hinterher alleine dort warten. Ich war aber sogar 10 Minuten zu früh und konnte so noch etwas der Kindersportstunde zusehen. Echt süß. Eine Schar kleiner Mädchen in Gymnastikklamotten kriegte nicht nur echten Jungssport, sondern auch noch korrektes dreiteiliges post-Sport-abklatschen beigebracht. Fand ich cool.

Nach der Stunde hab ich sie mir ins Auto gepackt und sie plauderte fröhlich drauflos von Schule und Geschwistern und ihren Plänen für Halloween. Wir hielten dann noch mal am Supermarkt, um was zum Abendbrot zu besorgen. Mit Kochen musste ich mir zum Glück doch nicht den befürchteten Stress machen, da Lils zum Abendessen mit Eltern und Geschwistern zu Hause eingeplant war.

Was mich im Supermarkt sehr amüsierte: Die Leute nehmen einen ganz anders wahr, wenn man ein Kind dabei hat. Noch dazu ein so niedliches wie sie – klein, zart, blond und sehr hübsch, straight from Bullerbü. Sowohl Frauen als auch Männer (nachdem diese mit einem kurzen Blick erfasst haben, dass man als Beutetier nicht mehr in Frage kommt), setzen den „och nööööö wie süß“-Blick auf und beobachten mit beseeltem Lächeln das Zusammenspiel zwischen Tochter und vermeintlicher Mutter. Besonders großes Amüsemang haben wir mit unserer Diskussion am Süßwarenregal erregt…nein, nein, sie war ganz brav – aber sie überzeugte mich mit hieb- und stichfesten Argumenten, dass ich unbedingt ganz viel Naschkram einkaufen müsse für die ganz vielen Kinder, die an diesem Halloweenabend bestimmt vor meiner Tür stehen würden. Sonst würden diese mir tote Tiere ablegen oder mein Auto demolieren.

Das wollte ich nicht riskieren.

Also landeten noch ein paar Tüten Schoko-Minis und Kaubonbons im Korb. An der Kasse dann mussten wir noch kurz klären, ob es denn lieber Pferde-, Lilifee- oder Prinzessinnensticker sein sollten. Selbstredend machten die Pferde das Rennen.

Der Rest war dann ganz einfach. In meiner Wohnung angekommen, bot ich ihr – nicht ganz ohne Eigeninteresse – an, sie dürfe Simpsons kucken. Ihr Rumgedruckse förderte allerdings zutage, dass Simpsons – Cartoon hin oder her – bei „richtigen“ Eltern anscheinend doch unter Erwachsenenfernsehen verbucht wird. Also wurde es der KiKa.

Schon eine halbe Stunde später stand mein Bruder auf der Matte und sammelte sie ein. Während sie  Jacke und Mütze anzog, entsponn sich dann noch folgender Dialog:

Lils so: „Ich glaub du hattest Recht, hier in der Gegend gehen keine Kinder rum.“

Mizzie so: „Ach, da kommen bestimmt noch ein paar“.

Lils so: „Aber es ist schon spät…. Sieben Uhr. Und dunkel.“

Mizzie so: „Ich warte noch mal n büschn, manche gehen ja auch später mit ihren Eltern oder älteren Kindern.“

Lils so: „Und was machst du, wenn keine kommen?“

Mizzie so (mit langer Leitung): „Wie, was mach ich dann?“

Lils so: „Na…mit dem Naschi“.

Mizzie so: „Öööhmmm“

Lils so (großmütig): „Du kannst das auch uns mitgeben. Bei uns kommen bestimmt Kinder rum“.

Mizzie so: „Ah ja. Gut hier, nimm mit. Aber lass mir noch ne Notfalltüte da“.

Nee, da war sie fröhlich. Mission accomplished! Wir perfide man schon strategieren kann mit 6 Jahren, hat mich doch sehr erstaunt.

Die Notfalltüte hab ich übrigens immer noch. Sie ruft aus der Küche jetzt so lange meinen Namen, bis ich schwach werde. Oder bis zum nächsten Tanten-Einsatz.


Geschützt: 6 months in a life

Oktober 12, 2008

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Geschwister prägen einen fürs Leben – mit Narben

September 24, 2008

Hier und da sind in diesem Blog ja schon mal meine Geschwister zur Sprache gekommen. Heute will ich mal ein wenig mehr von ihnen erzählen.

Es sind drei an der Zahl. Alle älter als ich: Meine Schwester 13, mein ältester Bruder 11, mein „jüngerer“ Bruder 10 Jahre. Als ich geboren wurde, waren meine Eltern schon Ende 30, was ja heutzutage normal ist, in den 70er Jahren aber noch als ziemlich alt für ein Kind galt. Dennoch, oder gerade deshalb, war niemand je so gewünscht und willkommen wie ich. Alle liebten mich heiß und innig. Und so bald ich alt genug war, dass meine Mutter mich mal 5 Minuten aus den Augen gelassen hätte, gab es im ganzen Haus kein spannenderes Spielzeug als die kleine Schwester. Wir hatten halt keine Haustiere zu der Zeit.

In Folge dessen kam es auch hier und da mal zu einem kleinen…Mißgeschick. Unfall, würde so manch einer sagen. In vollem Ausmaße könnte man behaupten, dass jeder meiner drei Geschwister mich mindestens einmal beinahe umgebracht hätte.

Die Ehre der Premiere gebührt selbstverständlich meiner Schwester, der Ältesten. Eines Abends, es mag so ungefähr der erste freie Abend für meine Eltern nach meiner Geburt gewesen sein, wurde ich in Obhut der drei „Großen“ zurück gelassen. Das Haus, in dem wir damals wohnten, hatte eine weiße Marmortreppe zwischen Erdgeschoss und dem ersten Stock mit den Schlaf- und Spielzimmern. Der Legende nach bin ich nie wirklich gekrabbelt, sondern hab mich seinerzeit direkt vom army-style Rumrobben in den Zweifüßlerstand erhoben und bin losgelaufen. Ich weiß nicht, in welchem Stadium meiner Bewegungsevolution es war und wie ich oben an die Treppe rankam, ich weiß aber, dass ich sie definitiv kopfüber und bäuchlings unten wieder verlassen habe. Großes Geschrei bei Klein-Mizzie.

Großes Geschrei auch bei meinen Geschwistern, die nach alter Familientradition erst mal in die Schuld-Diskussion einstiegen. Als sie damit durch waren – meine Schwester hatte als Hauptverantwortliche da leider die Arschkarte – hatte eben diese einen akuten Anfall von Verantwortungsgefühl und lief in die Küche, um ein Messer zu holen. Sie hatte nämlich mal von unserer Oma gehört, dass man Beulen damit kühlen könne. Mein ältester Bruder hatte an der Stelle anscheinend nicht aufgepasst – beim Anblick des Messers brach er in hysterisches Geheule aus weil er wie selbst verständlich annahm, die große Schwester wolle der kleinen Schwester die Beule ab-schnei-den!

Vertrauen unter Geschwister is was Schönes, oder?

Das Mißverständnis war jedoch schnell aufgeklärt und nachdem die Beule gekühlt und das Balg ruhig gestellt war, machte man sich an die Ausarbeitung einer guten Ausrede für die Eltern.

Ich glaube, der Klassiker, die gute alte aus-dem-Bett-fall-Geschichte hat das Rennen gemacht.

Das war der erste Vorfall, aufs Konto meiner Schwester also… mein ältester Bruder war dran, als ich so ca. 3 Jahre alt war. Meine Eltern haben in den späten 70er Jahren sehr viel gefeiert und am Wochenende waren wir eigentlich immer mit Kind und Kegel irgendwo eingeladen. Die Freunde, die wir besuchten, hatten in der Regel selbst scharenweise Kinder, so daß diese Parties immer Hippiegelagen ohne Regeln und Anstand ähnelten. Bei einer dieser Gelegenheiten sorgte mein Vater in seiner üblichen unbekümmerten Art für Kinder-Entertainment, indem er sein Auto offen ließ und den „Großen“ erlaubte, sich ans Steuer zu setzen und Autofahrer zu spielen. Ohne Zündschlüssel natürlich, aber immerhin. Da der ältere meiner Brüder als der vernünftigere von Beiden galt, durfte er auf dem Fahrersitz Platz nehmen.

Wie das so ist, man soll Kinder nie unterschätzen. Ihre Gehirne sind zwar klein, aber für die Basics reicht es in der Regel doch. Meine Brüder hatten natürlich ruckzuck raus, wie man die Handbremse löst, ein kurzes Rumruckeln am Schaltknüppel besorgte dann den Rest und so ging es unter großem Gekicher in der abschüssigen Auffahrt für den Mercedes irgendwann rück- und talwärts. Doof nur, dass die „Kleinen“ – darunter ich – in eben jener Auffahrt mit Puppen spielten.  Der Erzählung nach ist es einem beherzten Sprung meines Vaters zu verdanken, dass ich keinen bleibenden Eindruck im Reifenprofil des Wagens hinterlassen habe. Mein Vater wäre allerdings nicht mein Vater, wenn er mich einfach nur geschnappt und weggerissen hätte – das kann ja jeder: Er hat selbstverständlich mit seinen Bärenkräften den Wagen aufgehalten, bis jemand Zeit hatte, die Handbremse wieder festzuziehen!

Meine Brüder mussten dann den Rest des Tages Ticker spielen und durften höchstens mal Früchte aus der Bowle naschen. Strafe muss sein.

Der dritte bemerkenswerte Vorfall muss sich nur kurze Zeit später ereignet haben, denn ich war immerhin noch klein genug, um bei meinem zweiten Bruder – dem größten Rabauken von allen -  auf dem Kettcar mitfahren zu können. Unser Haus lag am Fuß einer sehr abschüssigen Dorfstraße, wenig befahren und sommers wie winters ein Spielparadies für die Kinder der Nachbarschaft. Mein Bruder machte also kaum jemals was anderes, als mit seinem flotten Schlitten den Berg hinunterzubrettern.

Bei einer dieser Gelegenheiten fuhren wir also so die Straße runter, den Wind im Haar, ich in vollendeter Seligkeit dass mein Bruder endlich mal mit mir spielte und mich nicht nur ärgerte, als er auf dem Höhepunkt der Geschwindigkeit die gerade perfektionierte Texaswende einleitete – und dabei in seiner Begeisterung für die eigenen Fahrkünste vergaß, mich festzuhalten…

Schon mal was von Schnotterbremse gehört?? Nein, nein, nicht Stotterbremse…- Schnotterbremse, das ist die, die man mit dem Gesicht macht. Auch Blutbremse genannt. Ich hab die voll drauf seit damals.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich aufgrund dieser und ähnlicher Vorfälle bis heute ein tief sitzendes Mißtrauen gegenüber meinen Geschwistern hege, wenn sie zu gemeinsamen Unternehmungen einladen. Zwar haben sie alle inzwischen eigene Kinder, an denen sie sich austoben könnten…aber man weiß ja nie.


Kindermund tut Weisheit kund

September 19, 2008

Meinen letzten Geburtstag hab ich teilweise bei meinem Lieblingsbruder in Sussex/England verbracht (das war das einzige Highlight dieses ansonsten erbärmlichen Ehrentages, aber dazu an anderer Stelle mehr…).

Mein Bruder lebt mit seiner holländischen Frau und drei echt herrlichen Kindern in einer Kommune. Klingt komisch, ist aber wirklich ziemlich toll. Vor vielen Jahren haben sich dort ein paar Leute zusammengeschlossen und ein altes englisches Landhaus gekauft. Auf dem Gelände wurden im Laufe der Jahrzehnte alle Nebengebäude zum Wohnen erschlossen und einige Familien haben noch Häuser dazu gebaut. Mittlerweile ist es ein lauschiges, kleines Dorf inmitten schönster südenglischer Landschaft.

Na jedenfalls wohnen mein Bruder und seine Sippschaft mittlerweile auch schon 5 Jahre da. Die Haustür ist den ganzen Tag auf, es schaut immer mal ein Nachbar für ein Pläuschchen und ‘a cuppa’ rein, da läuft auch schon mal ne fremde Katze durchs Wohnzimmer…außerdem teilen sich alle einen großen Garten wo reichlich Gemüse und Obst angebaut wird, ein paar Schafe laufen da rum und Milch holte man morgens selbstverständlich auch von der eigenen Kuh. Und das alles nur eine 45-minütige Autofahrt von der brodelnden Weltmetropole London entfernt. Da mein Bruder und seine Frau nun auch noch ein sehr harmonisches Paar sind und alle drei Kinder sehr entspannt und unterhaltsam, steigt meine Stimmungs-Sinuslinie immer gleich um einiges an, wenn ich dort bin. Schlechte Laune geht einfach nicht.

An meinem Geburtstag nun wurde ich zunächst mit einem selbst gebackenen Kuchen, Liedern und Kinderbildern (die immer noch in meiner Küche hängen) bespaßt. Im Anschluß machte jeder so seinen Kram, mein Bruder schnappte sich wie immer ein Buch, seine Frau stand pfeifend in der Küche, Carien (5) dudelte auf ihrer Flöte und ich lag mit Rohan (4) vor der vollverglasten Fensterfront und schaute mir den zauberhaften Sonnenuntergang an (es war ein kristallklarer, kalter Wintertag gewesen), während das Baby auf meinem Rücken rumtrommelte. Das Kaminfeuer prasselte, aus der Küche kam schon vielversprechender Abendbrotduft. Wohlbefinden pur.

Und als wir uns so den knallerosa Himmel ankucken, sagt Rohan plötzlich in seinem ziemlich komischen urenglischen Akzent (den weder seine Mutter noch sein Vater sprechen) zu mir:

„Look, God’s painting the sky in his favourite colours again!“

„Nice, innit?“, stimme ich ihm zu… Er legt seine Stirn in Denkerfalten, überlegt kurz und resümiert…:

„God likes pink…. – I think God is a girl!“

Großes Gelächter natürlich ob dieser nahezu genialen Schlußfolgerung. Und – warum soll man es leugnen? – er muß Recht haben: Wenn Gott ein Mann/Junge wär, würde die Sonne aussehen wie ein Fußball und bestenfalls Ralleystreifen am Himmel hinterlassen, wenn sie untergeht.

Gut, dass der Lütte das jetzt schon verstanden hat. Wird ihm weiterhelfen im Leben.

Foto: pixelio.de

Geschützt: Loslassen

August 18, 2008

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13./14.8.08

August 14, 2008

Ich bin so gefühlte 4 Jahre alt. Wir sind alle im Schrebergarten meiner Oma und ich klettere auf dem großen, alten Kirschbaum rum. Der Himmel ist blutrot und es weht ein scharfer Wind in Böen. Meine Mutter kuckt besorgt aus dem Türrahmen der Hütte und meine Brüder unterbrechen ihr Fussballspiel. Alle schauen, ob bei mir alles klar ist, oder ob ich in meiner kindlichen Paddeligkeit gedenke, vom Baum fallen.

Aber ich hab keine Angst. Denn unten steht mein Vater mit offenen Armen. Er wird mich fangen, wie immer. Großer, starker Papa.

Ich schaue runter und wir lächeln uns an. Dann springe ich. Er fängt mich und schleudert mich wieder hoch, so hoch, dass ich in die Wolken greifen kann an einem Himmel, der plötzlich wieder strahlend blau ist….

…dann bin ich wieder erwachsen und laufe auf irgendeiner Nordseeinsel durch eine Herde von Füchsen…. (Fortsetzung? völlig irrelevant)

Up


Der Tag, an dem das Böse in mein Leben krachte

August 13, 2008

Ich habe gestern Abend einen langen und erstaunlich gefühlvollen Artikel im aktuellen SPIEGEL gelesen. Hinterher hab ich noch lange wach gelegen und längst verschüttete Bilder betrachtet, die aus den Nebelbänken der Erinnerung aufstiegen. Und davon will ich heute mal erzählen.

Ich denke, ich kann mit Fug und Recht behaupten, die ersten Jahre meines Lebens sehr wohl behütet verbracht zu haben. Eltern und drei ältere Geschwister bildeten einen schützenden Kokon um Klein-Mizzie, in dem sie Phantasie und Freigeist entwickeln konnte, von denen sie heute noch zehrt.

Ich lernte früh lesen und hab schon als Erstklässlerin durchschnittlich einen Astrid-Lindgren-Klassiker pro Woche verschlungen. Da konnte es schon mal passieren, dass jemand starb oder ihm etwas Schlimmes zustieß. Aber das blieben Geschichten, ich wusste das wohl zu differenzieren. Als ich noch kleiner war, wurden mir natürlich auch die obligatorischen, wenn auch blutrünstigen Grimm’s Märchen erzählt. Bei meinem Vater liefen die allerdings immer so ab, dass die Mutter der sieben Geißlein z. B. auf einem Motorrad vor sich hinknatterte. Und selbst wenn der Wolf dann die Geißlein fraß, brachte Pabba es fertig, auch das noch lustig klingen zu lassen.

Das Böse wurde von mir fern gehalten. Bis zu dem Tag, an dem es live und in Farbe in mein Leben krachte.

Ich war schon etwas älter, wohl noch ein Kind, aber in Sichtweite der Pubertät, als mir meine Schwester eines Tages erzählte, der Kanzleikompagnon ihres Mannes habe seine Nichte bei einem Geiseldrama verloren. Ganz jung noch, erst 18, so erzählte sie. ‘Ach wie traurig’, dachte ich, ‘nur ein paar Jahre älter als ich’.

Das war Silke Bischoff. Das Mädchen, das durch eine Kugel aus der Waffe von Hans-Jürgen Rösner im Zuge dessen starb, was als „Gladbecker Geiseldrama“ in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen sollte.

Mein Schwager übernahm dann die Vertretung der Nebenklage und so wurde die ganze Familie für eine Weile in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. In einer Zeit, in der sich ja die ganze Nation verschreckt um sich selbst drehte um zu verstehen, was da in den drei Amok-Tagen zwischen Gladbeck, Bremen und den Niederlanden geschehen war. Die Bilder der Geiselnehmer mit dem zusammen addierten IQ einer Verkehrsampel, eher bemitleidenswert als wirklich angsteinflößend, der Medienauflauf und die öffentliche Zurschaustellung der Opfer,  der folgende Prozess und das ganze Ausmaß des Versagens der Polizei und der Medien…all das bestimmte monatelang das Tagesgeschehen. Nicht nur bei uns zu Hause, sondern im ganzen Land.

Das war dann nicht mehr weit weg. Da gab es kein Buch, das ich wieder zuklappen konnte. Das berührte mich direkt und ließ mich das erste Mal spüren, dass es wirkliche, echte Geschichten ohne Moral und ohne Happy-End gibt.

Die Mandanten meines Schwagers waren die Eltern des Italieners, der an der Raststätte Grundbergsee erschossen wurde, weil er seine kleine Schwester beschützen wollte. Es machte die Sache für mich nicht einfacher, dass ich mich post-mortem ein wenig in ihn verliebte, den kleinen Emanuele, der nur 15 Jahre alt geworden war. Zudem fand ich die Geschichte der Geschwister so wahnsinnig traurig – schließlich hatte ich ja auch zwei Brüder, die einen ausgeprägten Beschützerinstinkt mir gegenüber hatten. Hätten wir in diesem Bus gesessen, wäre uns das Gleiche passiert. Bei dem Gedanken, jemand könnte einen meiner Brüder erschießen und er würde vor laufender Kamera aus dem Bus geschleift werden, schossen mir jedes Mal die Tränen in die Augen.

Die Ereignisse dieser Tage setzten die ersten Markierungspfeiler für das Ende meiner Kindheit. Das Ende der Unschuld. Denn auch ich habe ja hingesehen mit dieser kranken Mischung aus Faszination und Abscheu, die den meisten Menschen zu eigen ist und die die große Medienmaschinerie tagtäglich am Laufen hält.

Nun habe ich, seit ich halbwegs erwachsen bin und zwei, drei Dinge übers Leben verstanden habe, durchaus die Gabe, auch in schlimmen Dingen das Positive zu sehen. Und ich möchte mal meinen, gerade in den letzten Monaten waren da ein paar Kandidaten dabei. Aber selbst wenn ich mitten drin bin in einem schlimmen Erlebnis, schaffe ich es, inne zu halten und mich zu fragen, wozu es wohl gut ist und was ich daraus lernen kann. Meistens kann man solche Fragen ja erst mit ein paar Jahren Abstand beantworten. Und meistens positiv – der tragische Selbstmord eines Schulkameraden vor ein paar Jahren z. B. löste in meinem Leben eine Entwicklung aus, die dazu führte dass ich heute den Beruf habe, den ich habe.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Falle des Gladbecker Geiseldramas bleibt die Antwort auch nach 20 Jahren aus. Was soll für irgendwen daraus positives erwachsen? Was soll für die Hinterbliebenen der Opfer erwachsen aus dem Wissen, dass ihre Kinder die letzten Stunden ihres Lebens mit Blick in die tiefsten Abgründe des menschlichen Gemüts verbracht haben? Lernten die Geiselnehmer, nie wieder jemanden umzubringen? Wen interessiert das – die sitzen und werden bis ans Ende ihres Lebens sitzen. Arbeitet die Polizei seitdem fehlerfrei? Auch nicht. Haben die Medien gelernt, den Geiselschutz über die große Geschichte zu stellen? Ich denke, auch nicht. Sollten sich mal wieder zwei öffentlichkeitsgeile Verbrecher finden, die sich live mit der Kamera verfolgen lassen, man würde es heutzutage wahrscheinlich sogar mit einem Telefonvoting über den Ausgang der Geschichte noch spannender machen. Für nur 1,29 € pro Anruf aus dem Festnetz.

Klar auf der Hand liegen tut zumindest eine Antwort: Manchmal passieren Dinge, die sind zu gar nichts gut. Die haben keine Lektion und keinen tieferen Sinn. Die sind für alle Beteiligten einfach nur schmerzhaft,  traumatisierend und absolut endlos traurig.

Das ist es dann wohl. Das Böse. Live in unseren Medien, jeden Tag.


11./12.8.08

August 12, 2008

Ich will unbedingt in einen Bungalow direkt am Plöner See einziehen. Die Raumaufteilung ist etwas seltsam, es gibt nur ein großes Zimmer und dafür drei Küchen. Aber wie gesagt, direkt am See und ein Poolhaus gibt es auch noch. Der Vermieter steckt mir, dass ich allerdings weitaus bessere Chancen hätte, wenn ich mit der Familie einziehen würde.

Ich dreh mich um und da sitzen tatsächlich schon meine Eltern und mein Bruder nebst Freundin und Kindern und besprechen die mögliche Raumaufteilung. Eine Begehung bringt uns zu dem Schluß, dass man aus dem riesigen, kathedralenartigen Laubengang einer der Küchen mit ein paar Leichtbauwänden ein paar Zimmer machen könnte. Dann hätte zumindestens jeder Familienzweig ein eigenes Schlafzimmer.

Ich find die Idee jetzt nicht sooo doof… aber andererseits – was ist, wenn ich mal…Besuch hab? Will ich, dass meine ganze Familie mitbekommt, wenn ich Sex hab? Nein. Und was ist wenn ich – Gott bewahre – selbst mal ein Kind haben sollte? Will ich mit Kind und im Zweifelsfalle Mann in einem einzigen Zimmer wohnen? Auch nein.

Dann allerdings fällt mir auf, dass sich mein Bruder und seine Freundin auch nicht beschweren, dass sie mit gleich drei Kindern in einem Zimmer wohnen müssen.

Während ich noch überlege, schlendere ich in den verwunschen schöne Garten. Dort treffe ich eine Nichte von mir (allerdings keine Nichte aus dem echten Leben – ein kleines rothaariges Mädchen, eine ca. 8-jährige Variante von Pippi Langstrumpf). Sie zeigt mir ganz stolz eine riesige Tarantel-Spinne, die sie bei einer Wette gewonnen hat. Ich fange sofort an zu heulen und zu zetern, sie solle das Ding sofort wegnehmen. Sie setzt sie auf einen Stein und wir gehen zum Haus, ich überlege noch kurz  ob ich zurückgehen und dem Ding den Garaus machen soll, denn allein die Vorstellung, die würde jemals in meinem Zimmer auftauchen bringt mich fast schon wieder zum Heulen (ich wette, ich hab im Schlaf um mich geschlagen an der Stelle...).

Aber ich tu’s nicht. Wir gehen ins Haus und dort ist man mittlerweile bei der Besichtigung einer der drei Küchen angekommen. Sie hat einen gigantomanischen Kamin, der eine ganze Wand einnimmt. Der Feuerraum hat einen ca. 3 Meter langen Schacht nach hinten raus. Der Vermieter kuckt mich vielsagend an und meint, er würde sich fragen wie viele Leute in diesem Ding wohl schon zu Tode gekommen sind. Mich gruselt’s.

Wir führen noch eine Weile eine sehr skurrile Diskussion über Haus und Wohnsituation. Der Vermieter wird uns das Haus wohl geben und ich schleppe schon mal vorsorglich ein paar Lieblingsmöbel rein. Gerade als ich meinen Flügel wieder zusammen setze, fängt mein Bruder allerdings (typisch!) Streit an und der Vermieter verweist uns des Hauses. Bruderherz meint allerdings, das sei überhaupt nicht schlimm, er hätte was noch viel Schöneres in Altenholz gesehen. Und ich so: „Moment mal?! Ursprünglich hab doch wohl nur ich ein neues Haus gesucht, was soll diese Sippenhaft jetzt eigentlich??“ Woraufhin mich alle tief verletzt anschauen…

Wir setzen uns ins Auto… plötzlich ist es aber nicht mehr meine Familie, sondern ein paar Leute aus meiner alten Konfirmandengruppe und wir fahren auf einer Schotterstraße…. (Fortsetzung? Völlig irrelevant.)