Ich habe gestern Abend einen langen und erstaunlich gefühlvollen Artikel im aktuellen SPIEGEL gelesen. Hinterher hab ich noch lange wach gelegen und längst verschüttete Bilder betrachtet, die aus den Nebelbänken der Erinnerung aufstiegen. Und davon will ich heute mal erzählen.
Ich denke, ich kann mit Fug und Recht behaupten, die ersten Jahre meines Lebens sehr wohl behütet verbracht zu haben. Eltern und drei ältere Geschwister bildeten einen schützenden Kokon um Klein-Mizzie, in dem sie Phantasie und Freigeist entwickeln konnte, von denen sie heute noch zehrt.
Ich lernte früh lesen und hab schon als Erstklässlerin durchschnittlich einen Astrid-Lindgren-Klassiker pro Woche verschlungen. Da konnte es schon mal passieren, dass jemand starb oder ihm etwas Schlimmes zustieß. Aber das blieben Geschichten, ich wusste das wohl zu differenzieren. Als ich noch kleiner war, wurden mir natürlich auch die obligatorischen, wenn auch blutrünstigen Grimm’s Märchen erzählt. Bei meinem Vater liefen die allerdings immer so ab, dass die Mutter der sieben Geißlein z. B. auf einem Motorrad vor sich hinknatterte. Und selbst wenn der Wolf dann die Geißlein fraß, brachte Pabba es fertig, auch das noch lustig klingen zu lassen.
Das Böse wurde von mir fern gehalten. Bis zu dem Tag, an dem es live und in Farbe in mein Leben krachte.
Ich war schon etwas älter, wohl noch ein Kind, aber in Sichtweite der Pubertät, als mir meine Schwester eines Tages erzählte, der Kanzleikompagnon ihres Mannes habe seine Nichte bei einem Geiseldrama verloren. Ganz jung noch, erst 18, so erzählte sie. ‘Ach wie traurig’, dachte ich, ‘nur ein paar Jahre älter als ich’.
Das war Silke Bischoff. Das Mädchen, das durch eine Kugel aus der Waffe von Hans-Jürgen Rösner im Zuge dessen starb, was als „Gladbecker Geiseldrama“ in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen sollte.
Mein Schwager übernahm dann die Vertretung der Nebenklage und so wurde die ganze Familie für eine Weile in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. In einer Zeit, in der sich ja die ganze Nation verschreckt um sich selbst drehte um zu verstehen, was da in den drei Amok-Tagen zwischen Gladbeck, Bremen und den Niederlanden geschehen war. Die Bilder der Geiselnehmer mit dem zusammen addierten IQ einer Verkehrsampel, eher bemitleidenswert als wirklich angsteinflößend, der Medienauflauf und die öffentliche Zurschaustellung der Opfer, der folgende Prozess und das ganze Ausmaß des Versagens der Polizei und der Medien…all das bestimmte monatelang das Tagesgeschehen. Nicht nur bei uns zu Hause, sondern im ganzen Land.
Das war dann nicht mehr weit weg. Da gab es kein Buch, das ich wieder zuklappen konnte. Das berührte mich direkt und ließ mich das erste Mal spüren, dass es wirkliche, echte Geschichten ohne Moral und ohne Happy-End gibt.
Die Mandanten meines Schwagers waren die Eltern des Italieners, der an der Raststätte Grundbergsee erschossen wurde, weil er seine kleine Schwester beschützen wollte. Es machte die Sache für mich nicht einfacher, dass ich mich post-mortem ein wenig in ihn verliebte, den kleinen Emanuele, der nur 15 Jahre alt geworden war. Zudem fand ich die Geschichte der Geschwister so wahnsinnig traurig – schließlich hatte ich ja auch zwei Brüder, die einen ausgeprägten Beschützerinstinkt mir gegenüber hatten. Hätten wir in diesem Bus gesessen, wäre uns das Gleiche passiert. Bei dem Gedanken, jemand könnte einen meiner Brüder erschießen und er würde vor laufender Kamera aus dem Bus geschleift werden, schossen mir jedes Mal die Tränen in die Augen.
Die Ereignisse dieser Tage setzten die ersten Markierungspfeiler für das Ende meiner Kindheit. Das Ende der Unschuld. Denn auch ich habe ja hingesehen mit dieser kranken Mischung aus Faszination und Abscheu, die den meisten Menschen zu eigen ist und die die große Medienmaschinerie tagtäglich am Laufen hält.
Nun habe ich, seit ich halbwegs erwachsen bin und zwei, drei Dinge übers Leben verstanden habe, durchaus die Gabe, auch in schlimmen Dingen das Positive zu sehen. Und ich möchte mal meinen, gerade in den letzten Monaten waren da ein paar Kandidaten dabei. Aber selbst wenn ich mitten drin bin in einem schlimmen Erlebnis, schaffe ich es, inne zu halten und mich zu fragen, wozu es wohl gut ist und was ich daraus lernen kann. Meistens kann man solche Fragen ja erst mit ein paar Jahren Abstand beantworten. Und meistens positiv – der tragische Selbstmord eines Schulkameraden vor ein paar Jahren z. B. löste in meinem Leben eine Entwicklung aus, die dazu führte dass ich heute den Beruf habe, den ich habe.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Im Falle des Gladbecker Geiseldramas bleibt die Antwort auch nach 20 Jahren aus. Was soll für irgendwen daraus positives erwachsen? Was soll für die Hinterbliebenen der Opfer erwachsen aus dem Wissen, dass ihre Kinder die letzten Stunden ihres Lebens mit Blick in die tiefsten Abgründe des menschlichen Gemüts verbracht haben? Lernten die Geiselnehmer, nie wieder jemanden umzubringen? Wen interessiert das – die sitzen und werden bis ans Ende ihres Lebens sitzen. Arbeitet die Polizei seitdem fehlerfrei? Auch nicht. Haben die Medien gelernt, den Geiselschutz über die große Geschichte zu stellen? Ich denke, auch nicht. Sollten sich mal wieder zwei öffentlichkeitsgeile Verbrecher finden, die sich live mit der Kamera verfolgen lassen, man würde es heutzutage wahrscheinlich sogar mit einem Telefonvoting über den Ausgang der Geschichte noch spannender machen. Für nur 1,29 € pro Anruf aus dem Festnetz.
Klar auf der Hand liegen tut zumindest eine Antwort: Manchmal passieren Dinge, die sind zu gar nichts gut. Die haben keine Lektion und keinen tieferen Sinn. Die sind für alle Beteiligten einfach nur schmerzhaft, traumatisierend und absolut endlos traurig.
Das ist es dann wohl. Das Böse. Live in unseren Medien, jeden Tag.