Wow, wieder mal ein schöner Aufreger am frühen morgen…Twitter-Krieg, der mich mal wieder wünschen lässt, diese web2.0-Scheisse wär nie über uns gekommen. Da wird geheult und geklagt über die mediale Abgestumpftheit und emotionale Kälte an der die Welt krankt, und dann begreift man nicht mal, dass man sich mit simplen dummen Sprüchen zu einem Teil davon macht.
Was ist passiert? Ein Popstar ist tot. Michael Jackson, 50 Jahre alt, was ziemlich früh ist für Herzversagen. Persönlich trifft mich das nicht weiter, ich mochte ihn mal für zwei Stunden als ich 14 war, finde aber einige der Songs höchst genial, kann seine außergewöhnliche Begabung anerkennen und mich auch noch lebhaft an das Mega-Konzert auf dem Kieler Nordmarksportfeld vor drölfzig Jahren erinnern. Ansonsten hat dieser selbst proklamierte King of Pop in meinem Leben keine Rolle gespielt.
Aber wenn ich diese herzlosen vermeintlichen Gags bei Twitter lese und mir vorstelle, das wäre Morrissey über den jetzt diese Gags gerissen würden, krieg ich eine tierische Wut. Gerade diese angebliche web2.0-Elite, diese ach so aufgeklärten Netztrendsetter die immer so unglaublich weit vorne sind im Informationszeitalter. Gerade die. Ist das jetzt die neue Art von Coolness? Witze über Krankheiten, Kriege, tote Leute? Muss man das machen, nur um den Anschein zu erwecken, man wäre aufgeklärt und würde über dem ganzen Medienrummel immer ganz locker drüberstehen? Ich weiß es nicht, erklär es doch mal einer. Würden diese gleichen Leute auch auf eine Beerdigung gehen und der trauernden Familie ein paar Schenkelklopfer um die Ohren hauen?
Womöglich liegt der Unterschied auch darin, dass ich weiß, wie sich Trauer anfühlt. Dass ich im Gegensatz zu diesen kleinen Pussies in ihrer heilen Zuckerwattewelt weiß wie es ist, wenn das Telefon klingelt und deine Welt aus den Angeln hebt. Vielleicht. Vielleicht bin ich von Natur aus auch einfach mitfühlender, denn auch vor dem Tod meines Vaters wäre es mir nie eingefallen, Witze über frisch Verstorbene zu machen, weder ins Gesicht noch in den weiten Raum des Social Networking. Warum verleitet der vermeintliche Sicherheitsabstand durch das Internet manche Leute dazu, das zu tun? Scheiss-Welt, wo so was jetzt zum guten Ton gehört, echt.
Klar ist dieser Mann mit seiner Geschichte eine Riesensteilvorlage für Witze – und es wird auch eine Zeit geben, wo ich darüber selbst wieder lachen kann. Aber Leute doch nicht HEUTE schon und auch nicht die nächsten Wochen. Denn jemand der Gazillionen Platten verkauft hat wird auch irgendwo Fans haben und für die fühlt sich jeder dumme Spruch an, als würde man das Messer noch mal rumdrehen. Dass man so was überhaupt mit erhobenem Zeigefinger sagen muss, ist schon ein Armutszeugnis.
Ich beteilige mich jedenfalls nicht an dieser Leichenfledderei. Sollen sich doch die Medien, Plattenfirmen, Promoter und emotionslose Internet-Spastiker auf den kalten Körper stürzen um noch ein paar Geschichten, Dollar und Gags aus Michael Jackson rauszuquetschen. Ich lehn mich zurück und sag hier ein einziges Mal: Armer Mann, krasses Leben, geile Platten, traurig für Familie & Fans und schade um diesen genialen Musiker, der seinem Umfeld und seinem eigenen übergroßen Schatten zum Opfer fiel.
Juni 26, 2009 um 10:27
Vielen Dank für diesen Beitrag; es war überfällig, das mal lesen zu dürfen.
Barbara Rudnick hat mich zwar viel mehr mitgenommen, aber Sie haben ja soo Recht.
Viele Leute meinen, Coolness zu bunkern, wo sie doch bloß schnoddrig und respektlos sind…
und noch keine Ahnung vom Leben haben.
50 J. ? Die Einschläge kommen näher. Für jeden.
Juni 26, 2009 um 11:19
Naja, solche Typen gibt es IRL doch auch. Immer schlechte Witze auf den Lippen, zu jeder unpassenden Gelegenheit. Der emotionale Abstand im Netz macht es aber noch leichter, solche Sachen rauszuhauen. Ich vermute, das sind die gleichen Leute, die sich online anders geben als sie im echten Leben sind.
Juni 26, 2009 um 12:59
Word, Mizzie, Word.
Mich läßt sein Tod auch einigermaßen kalt, denn so richtig Fan war ich nie. Die Maxi von Dirty Diana habe ich damals nur wegen Steve Stevens gekauft. Bevor ich aber Witze mache, schreibe ich lieber nix dazu. Aber diese Schranke haben eben nicht alle.
Juni 26, 2009 um 5:55
So der gute MJ-Fan war ich nie, obwohl ich sogar mal ne LP (Thriller) von ihm hatte.
Was die „angebliche“ Trauer anbetrifft, so wird nirgends soviel geheuchelt, wie nach Todesfällen oder auf Beerdigungen. Ich halte aber viel davon, wenn ich einen nicht mag, dann auch aus Anstand meine Klappe zu halten und nicht unbedingt noch Witze über denjenigen zu machen.
Juni 26, 2009 um 6:00
Amen.
Genau den Gedanken hatte ich heute morgen auch – was wäre, wenn das jetzt Morrissey wäre. Wie am Boden zerstört wäre ich und wie unglaublich geschmacklos die Leichenfledderei.
Juni 26, 2009 um 7:40
Grad gesehen, schöner Artikel aus Sicht eines Fans auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,632816,00.html
Juni 28, 2009 um 10:53
@skinunder Mittlerweile hab ich von ganz vielen gehört, dass sie es genau so sehen… lässt einen ja hoffen.
@bauhausmensch Genau so…
@Aquii Das stimmt sicherlich, gerade bei jemandem der so viel angegriffen wurde wie MJ wird man sich genau ankucken müssen, wer da Krokodilstränen vergiesst. Aber wenn ein Fan trauert, so tut er das zu Recht, auch wenn er kein persönlicher Freund war.
@elsbesen Der Artikel ist schön, sie hat das gut erklärt…genau so geht’s einem, glaub ich. Derjenige, von dem man Fan ist hat ja immer die Bedeutung, die man ihm selbst verliehen hat, fast ohne Schwächen. Wenn so jemand geht ist das allemal so schlimm, als wenn ein Freund oder Familienmitglied geht.
Juli 6, 2009 um 8:45
tsja, wenn ich sterben würde, würde ich mir wünschen, dass die leute, die zurück bleiben müssen, alle neese lang ihre witze über mich reißen, vor allem aber in aller offen- und ehrlichkeit über mich reden würden und sich nicht unehrlich zurück nehmen, nur weil ich gerade dahin geschieden bin – zu einen, weil humor in der trauer einer der angenehmeren wegbegleiter ist. zum anderen, weil ich weiß, dass ich meine fehler und macken habe und die bitteschön nicht unter den teppich gekehrt sehen möchte, nur weil ich jetzt dummerweise dahingeschieden bin. alles andere wäre verlogen. aber die verlogenheit hinsichtlich des todes, ist ja eines unsere hohen kulturgüter in dieser einen kultur, die mit dem tod überhaupt nicht real umzugehen weiß und ihn lieber verklärt anstatt ihn als gegeben hinzunehmen. und nein, menschen werden nicht zu engeln, nur weil sie gestorben sind.
Juli 6, 2009 um 9:01
Da wirfts du natürlich – mal wieder, möcht ich sagen – eine ganze Menge Dinge in einen Topf, die nicht zusammengehören. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen den Yellow Press-gefütterten Kinderf***er- und Aliensprüchen über einen Michael Jackson und ob ich über jemanden, der mir wirklich nahe stand liebevolle, wenn auch belachte Anekdoten erzähle. Von Humor ist bei Ersterem wirklich nichts zu merken, das ist einfach nur Aufgegeile am Leid anderer.
Auch Macken und Schwächen sind ein Unterschied… ich lache heute auch noch über Macken meines verstorbenen Vaters, aber was für ein Schwein müsste ich sein, tatsächliche Schwächen und Fehler ans Licht zu zerren und zum eigenen oder Amusement anderer drauf rumzutrampeln?
Und wenn du so was tust, dann gehörst du genau zu der Sorte Mensch über die ich hier geschrieben hab. Danke, dass du meine Worte noch mal belegst.
Juli 10, 2009 um 9:46
creepy berliner schnauzenfrau ohne herz. ignorieren!