Unsere schöne, schrullige kleine Landeshauptstadt wird sich in den nächsten Jahren daran machen, das durch den Tourismus in die Kassen gespülte Geld möglichst sinnvoll wieder zu verbraten. Für den neuen Fährterminal der Schweden-Linie und die viel gerühmten Germania-Arkaden sind bereits die ersten Spatenstiche erfolgt. Streit gibt es wohl noch um die Rathaus-Galerie, und zu einem weiteren Projekt habe ich bis jetzt nur unbestätigte Gerüchte gehört – es ist wohl so, dass es Pläne gibt, irgendwelche total durchgedrehten Investoren dazu zu bringen, ein weiteres Einkaufszentrum zu bauen das die komplette rechte Seite des oberen Endes der Holstenstraße einnimmt, genauer gesagt vom heutigen Leik bis zu Karstadt. Für diejenigen, die Kiel nicht kennen: Das ist viel.
Nun erscheint mir das einerseits wie der totale Wahnsinn…denn nur, weil man noch mehr Geschäfte baut, erhöht sich ja nicht die Kaufkraft einer Stadtbevölkerung. Andererseits ist es wohl so, dass man versuchen will, zumindest einen Teil der Kaufkraft wieder aus dem in der Vorstadt errichteten Citti-Park zurück in die Innenstadt zu ziehen. Ein mutiges Vorhaben, immerhin kann dieser drölf Gazillionen kostenlose Parkplätze für sich verbuchen.
Darüber hinaus hätte eine solche Passage natürlich einen Standortvorteil, was die Ausnutzung der Touristenströme angeht: Die Schwedenlinienpassagiere und alle, die mit ihrem Kreuzfahrtschiff am Ostseeterminal anlegen, müssen nur betrunken von der Gangway fallen, um im Shopping-Paradies ihrer Träume zu stehen.
Sei’s drum. Die machen das eh wie sie wollen, mich fragt ja keiner. Würde man es doch tun, würde ich für den Erhalt und die Förderung der kleineren Einzelhandelsgeschäfte hier oben plädieren. Ein Konzept, das sich im Falle der Holtenauer Straße voll bewährt hat.
Hier oben? Ja. Es ist nämlich justamente so, dass ich mein Büro auf der LINKEN Seite des oberen Endes der Holstenstraße habe und somit Anwohner bin. Natürlich interessiert mich, was hier passiert. Allerdings gebe ich mein Büro in wenigen Monaten auf, was von Vorteil sein könnte, wenn sich das hier in eine monatelange Großbaustelle verwandeln sollte.
Heute habe ich einen der ersten Dominosteine, die im Zuge der Bauplanung fallen werden, das erste Mal seit langem wieder von innen betrachtet. „Der obere Karstadt“ ist in Kiel ein so genanntes „Traditionshaus“. Ich könnte es jetzt googlen um rauszukriegen, wie lange der schon da steht. Aber ich lass es. Auf jeden Fall schon länger als ich auf der Welt bin. Es gehört nämlich zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen, an der Hand meiner Mutter auch den letzten Winkel dieses Kaufhauses zu durchstöbern. Hier ging ich auch das erste Mal verloren, so daß meine Ma über die Lautsprecheranlage ausgerufen werden musste. Hier wurde ich das erste und letzte Mal beim Ladendiebstahl erwischt (Strafe ist abgesessen, deshalb erzähl ich das hier so fröhlich). Kurzum: Der alte Karstadt ist für mich ein Sinnbild der Stadt, in der ich (wenn auch ungern) groß geworden bin.
Wenn man, wie heute geschehen, durch das Warenparadies stromert merkt man, dass das Kaufhaus in den letzten Zügen liegt. Das ist sicherlich nicht nur eine Folge der Stadtplanung, sondern auch der – wie erwähnt – abgezogenen Kaufkraft, der Wirtschaftskrise und womöglich auch der Ausblutung durch den eigenen Konzern – ein größeres, schöneres Karstadt befindet sich nämlich am anderen Ende der Holstenstraße. Trotzdem ist es deprimierend, die langen Gesichter hinter den Kassen zu sehen. Auf zwei Etagen gibt es mittlerweile nur noch Ramschware in Grabbelkisten. Im Rest des Hauses ist die sonst für Karstadt typische liebevolle Präsentation irgendwie untergegangen.
Was ich auch noch vermissen werde, wenn das Geschäft eines Tages nicht mehr da ist: Nur bei Karstadt (gut, vielleicht noch bei Ikea) passiert es mir, dass ich nie das finde was ich haben wollte und stattdessen mit Zeugs zurück komme, von dem ich nie wusste, dass ich es haben wollte…starring today – nicht gefunden: Jamie Cullum CD, 1 x Salat zum Mitnehmen. Gefunden: 1 Poncho, 1 gepunktetes Halstuch. Schnäppchen halt, die gibt’s natürlich in einem ausblutenden Geschäft noch und nöcher.
Aber genug genölt: Letzten Endes begrüße ich natürlich das Ansinnen, Kiel attraktiver zu machen, auch wenn ich es nicht unbedingt immer richtig kanalisiert sehe. Streng genommen kann man es aber nur besser machen, als es in Kiels dunkelster Bauphase – von 1945 an bis ungefähr letzte Woche – geschehen ist. Bin gespannt, wie unsere hässliche, liebenswerte kleine Stadt in 10 Jahren aussieht.
Übrigens habe ich mich in den frühen Tagen dieses Blogs schon mal ausführlich zum Thema Kiel ausgelassen, wer das noch mal nachlesen möchte, der möge doch rechts auf das Laberlabel „Kiel“ klicken.
März 18, 2009 um 5:15
Also grundsaetzlich bin ich ja dafuer, Innenstaedte gut herauszuputzten, wenn es denn gut gemacht ist mit viel Freiraum fuer Fussgaenger und die dazugehoerigen Strassencafes.
Gelingt leider nicht immer.
Allerdings traue ich Karstadt nun nicht unbedingt den grossen Wurf zu, als sogenanntes „Leitgeschaeft“ dabei eine fuehrende Rolle zu spielen. Gerade die Vergangenheit hat gezeigt, das Arcondor doch so seine Probleme hat, ueberhaupt eine vernuenftige Ausrichtung zu finden.
März 18, 2009 um 6:32
Die werden ja nie im Leben alle gebaut. Ich denke, es geben alle Investoren im Moment so viel Gas, um die ersten zu sein.
Und wenn die Rathausgalerie kommen sollte, wirds in der Holstenstraße wahrscheinlich nur die kleine Lösung.
März 19, 2009 um 10:36
Jeder bekommt die Stadt, die er verdient!
(oder: „Und ich dachte, es kann nicht schlimmer kommen!“ – jetzt ist auch noch mein Lieblings-Klamottenstory („Crybals“, ehem. Rathausstraße) in den Citti-Park gezogen. Schaut nett aus. Aber warum musste es soweit kommen? Ich hasse den Citti-Park.
März 20, 2009 um 12:22
Irgendwas muss tatsächlich getan werden, aber im Augenblick sieht das doch sehr nach wildem Aktionismus aus. Irgendwas soll ja auch noch in Richtung Tagungszentrum und Symphonie passieren. Und dann ist da noch die Dauerbaustelle am ZOB und die geplante Regionalbahn. Dass sich unser Landeshauptdorf dabei mal nicht übernimmt…
„dunkelste Bauphase von 1945 bis letzte Woche“ finde ich im übrigen sensationell.
März 20, 2009 um 10:59
@Aquii – So ändern sich die Zeiten…30 Jahre lang war das hier oben das erste Haus am Platze. Freiraum für Fußgänger ist hier genug, leider aber nicht genug dass man auch noch zusätzlich Platz hätte für Straßencafés wie z. B. eine Mönckebergstrasse.
@Niels – Ist das eine Schätzung oder gehört? Ich würde denen ja zutrauen, dass sie bei allen voll zuschlagen…
@MC – Kenn ich gar nicht, den Laden…aber ich mag meine Jeans ja auch eher üKnie
@Jörn – Die Symphonie wird’s ja wohl geben, glaub ich…aber das find ich wiederum toll, das Schloß is ja nun ein echter Schandfleck, wenn man so auf seinem Traumschiff in die Stadt reinfährt. Klingt alles in allem nach großem städtebaulichen Ehrgeiz.
März 20, 2009 um 3:14
Schätzung. Und wenn der erste erstmal buddelt, dürften sich für Projekt zwei, drei und vier in der gegenwärtigen Lage auch kaum finanzierungsbereite Banken finden lassen.
März 23, 2009 um 10:20
Schoene Wunschtraeume der Stadtmuetter und -vaeter. Ich glaube nicht, dass sich das noetige Kleingeld dafuer in absehbarer Zeit auftreiben laesst, und Kiel hat noch genuegend andere Baustellen…
Juli 31, 2009 um 11:51
[...] vor einiger Zeit heftig bemängelte Phase schlimmer architektonischer Entgleisungen, die “von 1945 an bis ungefähr letzte Woche” dauerte, kann ich gekonnt hinweg sehen. Macht es doch zu viel Spaß, Touristen durch die [...]