Ich hab mir gedacht, ich starte mal wieder eine Musikserie und erzähle ab und zu davon, warum bestimmte Gruppen meiner Meinung nach besser sind als andere.
Ich beginne gleich mit der Königsklasse: ABBA. Seit dem letzten Norwegenurlaub, genauer gesagt, seit Elsbe mich an Bord der Color Fantasy breitschlug, „Mamma Mia“ im Bordkino anzukucken, hab ich mal wieder eine der regelmäßig wiederkehrenden Phasen, wo ich eigentlich fast nichts anderes hören kann außer den vier entzückenden Schweden. Zum Geburtstag hat sie mir dann noch „ABBA – The Movie“ geschenkt, den ich mir heute morgen angekuckt habe.
Ähnlich wie „Mamma Mia“ hat der Film irgendwie eine Story, aber irgendwie halt auch nicht. Keine bemerkenswerte zumindest. Trotzdem gehört er in die Kategorie „Glücklichmach-TV“. Und woran liegt’s? Na, an der Musik natürlich. Ich sag ja immer gern: Wen ABBA kalt lässt, der ist doch schon tot.
Aber es ist so… ABBA verkörpern für mich all das, was an Pop gut ist. Sie sind quasi die Quintessenz des Pop. Zwei fantastische Songwriter, zwei bezaubernde, großartige Sängerinnen. Noch dazu alle untereinander verliebt und befreundet, zumindest eine zeitlang. Am Reißbrett eines Banddesigners hätte diese Gruppe nicht besser entworfen werden können. Wie jemals das Gerücht aufgekommen ist, ABBA wäre „einfach“, ist mir ein Rätsel. Wer so was behauptet, hat schlichtweg überhaupt keine Ahnung, wovon er redet.
An den Melodien der Lieder ist überhaupt nichts einfach, sie zeugen von purem Genie. Die Produktionen, allen voran die Gesangsparts, sind bis in die heutige Zeit beispielhaft. Und was Agnetha und Anni-Frid da gesanglich vollbracht haben, wird bis in alle Zeiten Standards für weiblichen Gesang setzen. Wirklich, nehmt es von jemandem, der es ab und zu selber mal versucht – um so schwierige Gesangsparts so unangestrengt klingen zu lassen, muss man stimmlich schon ganz weit vorn sein. Und das ohne das geschwollene Pathos einer Mariah Carey & Co.
Gut, ich gerate ins Schwärmen…vielleicht sollte man nicht unterwähnt lassen, dass es auch Schwachpunkte gab: Die Bühnenklamotten und Tanzeinlagen waren eher fragwürdig, allerdings muss man das natürlich auch im Zusammenhang mit der Zeit betrachten. Die Siebziger waren zu niemandem rückblickend besonders freundlich, styletechnisch gesehen.
Alle Jungs waren früher in die Schnitten verknallt und wollten mit Björn und Benny Kumpels sein. Alle Mädels wollten sein wie Agnetha oder Anni-Frid – in den Siebziger Jahren war das fast ein Politikum, welche man sein wollte. Mit 5 wollte ich sein wie Agnetha, was aber auch daran gelegen haben mag, dass sie meiner Mutter so ähnlich sah und es bis heute tut. Als Sängerin und als Typ liegt mir aber die dunkle Anni-Fried mittlerweile mehr. Warum sag ich das? Na, weil das bis heute ein Politikum ist. Aber eigentlich sind sie ja alle bezaubernd, selbst der Björn mit den viel zu großen Nasenlöchern.
Ich gebe auch freimütig zu, dass die Texte meist nur aneinander gereihte Worte waren, die gut klangen und sonst keinem höheren Zweck dienten. Normalerweise achte ich ja extrem darauf, was Musiker mir erzählen wollen, nicht von irgendwo her bin ich Morrissey-Fan…bei ABBA krieg ich das irgendwie ausgeblendet. Im Prinzip ist das für mich sogar einer der Gründe, warum ABBA eben das Perfect Pop Principle verkörpern: Ist nicht der einzige Daseinszweck von Pop, uns das Leben schöner und bunter zu machen? Ohne erzwungenen Weltverbesserungsanspruch, ohne gestelzte politische Aussagen? Wenn man schon nur mit Musik und Gesang ganze Welten erschaffen kann, sollte man zumindest aus den Texten vielleicht tatsächlich alles Schwergewicht rauslassen.
Ich hab aus unzähligen handfesten Beweisen für die Genialität dieser Gruppe nur mal drei Beispiele aus verschiedenen Stadien des Schaffens rausgesucht – das erste ist ein eher unbekannter Titel aus den Siebzigern. Vom Text her wieder höchst cheesy, aber die Musik, biiitte und diese – hach! – bezaubernden Leute, kuuuuckt mal – „Bang-a-boomerang“: (es gibt auch ein herrliches offizielles Video, das sich aber nicht einbetten ließ – sucht das noch mal selbst auf wenn ihr wisst, was gut für euch ist…)
Sind die nicht süüüß? Und ich sag’s noch mal: Wen das kaltlässt, der sollte mal seinen Puls checken, nur vorsichtshalber. Wer sich dem Zauber eines Songs wie diesem, oder einer „Dancing Queen“ oder einem „Waterloo“ oder einem „Summer Night City“ komplett entziehen kann, hat keine Seele.
Eine Gruppe vom Kaliber ABBA hat zu denen, die sie verstehen, einen direkten Draht zum Gemüt: Wenn sie was fröhliches singen, ist man glücklich. Wenn sie was trauriges singen, ist man traurig. Ich glaub, ich hab noch nie im Leben „The winner takes it all“ gehört, ohne mindestens ein Tränchen zu verdrücken – selbst, als Meryl Streep es in „Mamma Mia“ (ziemlich großartig übrigens) nachsang.
Ein weiteres Beispiel für das Außmaß des Talents der drei Hauptsäulen dieser Band – Songwriting, Produktion, Gesang – hab ich mal hier: Das ist einer meiner absoluten Lieblingstitel, aus mir unbekannten Gründen nie als Single ausgekoppelt, aber ein absolutes Kunstwerk. Hört mal, wie die Melodie zum Refrain hin Spannung aufbaut…und wie sie das Beste aus Ballade und das Beste aus Diskoknaller in einen Titel gepackt haben…ein paar ganz, ganz sparsam und effektvoll eingesetzte E- und Akustik-Gitarrenakkorde…das Klavier im Intro mit diesem irren Hall, der ein Klavier immer so metallisch klingen lässt…und Agnetha konnte das tatsächlich auch live so singen: Über fünf Takte diesen heftigen hohen Ton halten (zum Ende hin) und direkt, ohne einmal Luft zu holen, die Linie runtersingen…un-fucking-fassbar, aber hört selbst – „Kisses of fire“:
In den 80er Jahren begann es in den Ehen und damit in der Gruppe zu kriseln. Das, was die Musik dadurch an Leichtigkeit einbüßte, wurde aber nicht wie bei vielen anderen durch Einfallslosigkeit ersetzt, sondern durch Tiefe. Das folgende Beispiel ist für mich – klingt jetzt pathetisch, ich weiß – einer der ganz großen Meilensteine in der Popmusik überhaupt. Wie genial ist das bitte, sich zu entscheiden, mal kein Liebeslied zu schreiben, sondern ein Lied darüber wie das Leben war, bevor die Liebe ins Leben einschlug?! Die Idee allein! Hach kuckt – „The day before you came“:
Ein wirklich bewegendes Stück Musik, finde ich…und ich SCHWÖR sie sieht aus wie meine Mutter, genau so sah meine Mama aus als sie um die 40 war. Genau so.
Tja…was meine Aussage angeht, dass jeder, den diese Gruppe kalt lasse schon tot sei, so muss ich das vielleicht etwas einschränken: Ich gebe zu, dass ABBA tendenziell eher Frauen anspricht. Oder Männer, die eigentlich Frauen sein wollen. Trotzdem, jeder Mann, jeder noch so eingefleischte Klassik-, Free Jazz- oder Death Metal-Fan der auch nur für drei Cent was von Musik versteht muss zugeben, dass es unendlich viele geniale Aspekte an dieser Gruppe gab. Nicht ohne Grund stehen sie ganz oben mit den Großen der Musikgeschichte. Fünf Milliarden ABBA-Fans können nicht irren.
Und wenn ihr mir immer noch nicht glaubt, dann klickt mal diesen Link und lasst euch auf den Zauber ein…wenn das nicht funktioniert, bekommt ihr von Mizzieland einen Totenschein ausgestellt.
Verfasst von aristokitten 
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