Ich wollt euch ja noch erzählen, was meiner Familie am Heiligabend ‘72 passierte…
Auch diese Geschichte kenne ich nur aus Erzählungen, denn ‘72 war noch gut ein paar Jahre vor meiner Geburt. Aber sollte die Zeitangabe stimmen, war meine Schwester damals 10 Jahre alt und meine Brüder 8 und 7.
Bis heute hat sich die Tradition in meiner Familie gehalten, elementare Einkaufsgänge noch am Heiligabend zu erledigen. Auch ich setze heute dieses stolze Sippenerbe fort. In jenem Jahr war es so, dass sogar die ganze Meute am Vormittag des Heiligabend noch mal zum Einkaufsbummel in die Kieler Innenstadt aufbrach.
Mein Vater stellte den Wagen wie gewohnt im totalen Halteverbot direkt vor der Nikolaikirche ab und die Sippschaft schlenderte los. Mein ältester Bruder – bis heute der einzige meiner Geschwister, dem man so was wie ein Gewissen nachsagt – drehte noch eine pflichterfüllte Runde ums Auto um sich zu vergewissern, dass alle Türen verschlossen waren, bzw. holte dies nach.
Was er dabei übersah, war die Tatsache, dass mein Vater den Schlüssel hatte stecken lassen – immerhin sollte es nur ein kurzer Einkaufsbummel werden und falls jemand in dieser Zeit den Platz vor der Nikolaikirche benötigte – der Pastor zum Beispiel – so sollte er den Wagen auch selbst wegparken können.
Waah! Quelle catastrophe! Die ganze Familie stand kurze Zeit später zeternd um die Sippenkutsche, sich nach guter alter Tradition gegenseitig die Schuld in die Schuhe schiebend.
Aber nun musste ja eine Lösung her…
Der Schlachtplan sah vor, dass sich meine Mutter mit dem Kleinsten in den Bus nach Mettenhof setzen sollte (wo damals noch der Stammsitz der Familie war), um den Zweitschlüssel zu holen und diesen dann zurück zu bringen. Somit würde sich vielleicht der Heiligabend noch retten lassen.
Gesagt, getan – meine Mutter machte sich mit dem 7-jährigen Sohn auf Richtung Arhusstraße. Zu Hause beschied sie dann aber angesichts des fortschreitenden Nachmittags, sich lieber schon an die Vorbereitung des Essens zu machen und den Kleinen als Schlüsselträger auf die Linie 9 zu setzen. Dies tat sie mit einem guten Gewissen, immerhin war er die Linie schon hunderte Male gefahren und er versicherte ihr auch mit ehrlichen Augen, dass er schon groß genug dafür sei.
Nun gut, ihr ahnt es, es kam anders… Anstatt in der Innenstadt wie verabredet auszusteigen, fuhr mein Bruder durch bis nach Elmschenhagen, geografisch ziemlich genau das andere Ende der Stadt. Ja nun. Ich denke mal, er wird das getan haben, was alle kleinen Jungs tun – er wird auf der ersten Bank hinter dem Fahrer gesessen, diesem bei der Arbeit zugeschaut und sich in einer Fantasiewelt verloren haben, in der er selbst diesen mächtigen Diesel fahren und den Leuten Geld abknöpfen durfte. (Hierzu ein kleiner Exkurs – der Legende nach verfügte mein Bruder damals schon über rudimentäre Autofahrkenntnisse, auch dazu gibt es eine schöne Geschichte, die ich mal erzählen kann: Sie beinhaltet eine nächtliche Fahrt in den Graben und 30 Sozialstunden…).
In Elmschenhagen angekommen bekam der kleine Steppke das große Heulen und schüttete dem erstaunten Busfahrer sein Herz aus… dieser beruhigte ihn, nahm ihn auf der Strecke zurück in die Stadt und zwang ihn diesmal, an der richtigen Stelle seinen Assistenzfahrerposten aufzugeben und auszusteigen.
Mittlerweile war es so 16 Uhr, in der Stadt waren größtenteils die Lichter aus und die meisten Familien saßen schon mit glühenden und glücklichen Gesichtern vor der Weihnachtsgans. Nicht so meine Sippe – mein Vater hing in in der Stadt fest und mühte sich, mit Versteckspielen und Witze Reißen bei klirrender Kälte seine nervtötenden älteren Blagen zu entertainen, während meine Mutter zu Hause schon mit einem Bein im tiefen Tal des Wahnsinns stand und der Lütte immer noch verstrahlt durch die Gegend irrte, von der Welteroberung per Gelenkbus träumend.
Aber…das Weihnachtswunder geschah – mein Vater, meine Geschwister und der kleine Abtrünnige fanden sich, während die Nikolaikirche schon zum ersten Gottesdienst bimmelte. Glücklich vereint machte man sich auf Richtung graue Heimat.
Dort stand kurze Zeit später dampfend das Essen auf dem Tisch, in aller Eile wurden noch der Tannenbaum geschmückt und die letzten Geschenke eingepackt. Und die Familie Q. tat, was sie immer nach überstandenen Katastrophen tat – sie lachte sich erstmal gepflegt scheckig.
Happy End mit Seventies-Schmäh – v. l.: Der kleine R. mit Busfahrerambitionen, der gewissenhafte S., die dominante M. und der Pabba