So langsam muss ich mal anfangen, hier die großen Meilensteine in meinem Leben anzugehen…also, here we go.
Zu den großen Meilensteinen gehört sicherlich diese… Morrissey-Kiste. Ich hab in meinem Entwürfe-Ordner schon einen stetig wachsenden Artikel rumliegen, der einen Erklärungsversuch für das Wieso und Warum liefern will. Aber das ist sehr komplex.
In Kürze gesagt ist es so, dass Morrissey als Künstler in mir eine Note zum Klingen gebracht hat, die vorher in meinem Leben unberührt blieb. So oder ähnlich würde wohl jedes Mitglied des verschworenen Morrissey-Follower-Clubs das Gefühl beschreiben. Fürs Erste müsst ihr das so hinnehmen, bis ich mit einer ausführlicheren Erklärung komme.
Aber diese Story-Reihe soll ganz unphilosophisch werden…die Aventura Morrisstica handeln schlichtweg von den ganzen verstrahlten Geschichten, die mir so und wirklich wahr auf den Spuren von Morrissey passiert sind. Nachdem ich ein kurzes Meinungsbild bei Twitter eingefangen habe, fange ich hier zunächst mit Schreiben an – ich werde aber die eine oder andere Geschichte auch sicher mal vor der Kamera erzählen, weil sie ansonsten von der Länge her ausartet und so auch einfach lustiger ist.
Ich hatte im Laufe der Jahre mehrere „Beinahe-Begegnungen“ mit Morrissey, und von der chronologisch ersten will ich heute mal berichten.
Wir schreiben das Jahr 1999…Mizzie ist noch voll im Erstrausch der Entdeckung und darf das erste Mal ihren neuen Helden live sehen. Und zwar gleich fünfmal in Folge auf seiner Deutschlandtournee. Es war glaub ich das dritte Konzert auf diesem Tourabschnitt – Bremen, Pier 2, am 16. Oktober.
Schon auf der Hinfahrt passierten wunderliche Dinge – ich traf nämlich auf der A7 auf den Van der wunderbaren Supportband Sack, denen ich mit Händen und Füßen und unter Zuhilfenahme der ins Fenster gehaltenen Konzertkarte (damals musste ich so was noch kaufen, tst) zu verstehen gab, dass ich ihnen gerne folgen würde. Das tat ich dann auch, ungeachtet dessen, dass sich die armen irischen Jungs in Bremen wahrscheinlich noch schlechter zurechtfinden würden als ich.
Nun ja, wir schafften es zur Halle, man verabschiedete sich freundlich und so war ich im Getümmel…schon zwei Abende vorher hatte ich in Hamburg zwei Jungs kennengelernt, die ich dort wieder traf. Nennen wir sie mal Typ 1 und Typ 2. Typ 1 ist bis heute ein Freund von mir und lebt ebenfalls in Kiel, Typ 2 hab ich nie wieder gesehen. Noch vor dem Konzert entwickelten wir einen nahezu genialen, FBI-esquen Schlachtplan, mit dem wir es schaffen wollten, Morrissey endlich mal „in echt“ zu sehen.
Gesagt, getan…der geniale Plan sah vor, dass Typ 2 sich noch während der Zugabe aus dem Publikum ziehen ließ, wohlwissend, dass Morrissey noch während die Band spielte in die Limo springen und sich zum Hotel fahren lassen würde. So geschah es auch. Typ 2 heizte im Auto hinterher und informierte uns per Handy (damals eine ganz neue, hippe, moderne Erfindung – sowas wie ein tragbares Telefon), wohin die Reise ging. Das Hotel Maritim.
Nach Abschluß des Konzerts heizten Typ 1 und ich also hinterher, parkten das Auto weg und trafen uns vor dem Hotel mit Typ 2. Wir waren alle reichlich nervös ob der Aussicht, gleich unseren gemeinsamen Helden zu treffen. Da standen wir nun und…ja…wußten rein gar nichts mit uns anzufangen. Der Plan ging nur bis zu dem Moment, an dem wir am Hotel ankamen. Was nun?
In Ermangelung irgendeiner Idee standen wir erstmal doof rum. Es war saukalt, Mitte Oktober eines sehr, sehr kalten Herbstes. Nach ca. einer halben Stunde rollte erstmal der Tourbus vor und spuckte Morrissey’s Band aus. Nach kurzem Schnack, Autogrammverteilung und viel Gelächter darüber, dass wir drei Helmis da in der Kälte standen, als wenn Morrissey ernsthaft noch mal rauskommen würde, verabschiedeten die Herren sich und belegten die Bar.
Wir standen da immer noch.
Als nächstes fuhr der Van von Sack vor. Auch hier wieder großes Hallo und Gelächter, außerdem hatte ich natürlich schon einen Spitznamen weg – „The Follower“. Nun gut. Auch diese Herren verabschiedeten sich nach kurzer Zeit in die Bar.
Wir standen da immer noch.
Irgendwann wechselten wir die Straßenseite, um einen besseren Blick auf die verdächtigen Hotelzimmer zu werfen. Die Suiten des Maritim Bremen sind nach vorne in die Rundung gebaut, außerdem sind die Decken verspiegelt o.ä., jedenfalls kann man von der Straße, zumal abends wenn drinnen Licht ist, recht gut hineinsehen. Dank Morrissey’s markantem Profil, das jeder Fan sogar im Stockdunkeln noch erkennen würde, hatten wir relativ schnell raus wo er war – denn der Gute tigerte wie ein aufgescheuchtes Hühnchen durch seine Suite und, wie gesagt, man konnte alles sehen…
Nur wussten wir mit dieser Info immer noch nichts anzufangen – wir waren noch nicht tief genug gesunken um die verzweifelten Methoden an den Tag zu legen, die manche Fans entwickeln, um ihrem Idol so richtig auf die Pelle zu rücken. Heimlich ins Hotel zu schleichen und sich bis in den Flur durchzuschlagen war also z. B. keine Option. Wir wollten höflich bleiben.
Eine weitere Stunde war vergangen, wir standen nach wie vor doof rum und es mag 1.00 Uhr geworden sein. Unsere Lebensgeschichten hatten wir uns mittlerweile erzählt, jeder eine Schachtel Kippen weggequalmt und überhaupt…so langsam war der Witz auch vorbei. Ab und zu schauten wir mal hoch zum Zimmer, aber die anfängliche Begeisterung war merklich verflogen und die Stimmung sank gen Nullpunkt.
Bis, ja bis…ich mal wieder einen genaueren Blick auf die Hotelfront warf und feststellte dass das, was wir bis dato für einen Blumentopf gehalten hatten, in Wirklichkeit der Kopf eines Menschen war, der mit glühenden Augen in der Fensternische hockte und heimlich hinunterschaute.
Ich kann bis heute nicht beschwören, dass es Morrissey war – aber ich hab die Geschichte letztens auch Elsbe erzählt und die bestätigte meinen Verdacht: Es würde einfach passen. Morrissey ist das einzige Pop Icon auf der Welt, dem man es unbesehen zutrauen würde, dass er einen ganzen Abend damit verbringt, heimlich die Leute zu beobachten, die vor dem Hotel stehen um ihn zu beobachten. Der macht so was. Wahrscheinlich gab’s auch einfach nichts im Fernsehen.
Na jedenfalls kam mit dieser Entdeckung wieder Leben in die alten Ladies und wir wurden ganz aufgeregt…der kurze Adrenalinshot gab uns den Mut, doch tatsächlich mal das Hotel zu betreten und scheinbar ganz locker, wenn auch mit dem Herzen in der Hose, in die Bar zu schlendern.
Groooßes Hallo! Band, Crew, Supportband, eigentlich alles minus Morrissey (was so üblich ist, wir aber zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten) waren in der Bar und freuten sich über unseren Besuch. Sofort scharrten sich Boz, Gaz & Co. um uns, wir bekamen Getränke gereicht und wurden erstmal ausgequetscht. Einfach nur so, über nichts Besonderes. Wie heißt ihr, wie alt seid ihr, was macht ihr, seid ihr aus Bremen. So die Nummer. Bis heute bin ich immer wieder erstaunt über die Freundlichkeit, Zugänglichkeit und mangelnde Berührungsangst dieses Personenkreises. Die anfängliche Lähmung, die uns überfallen hatte als wir mit unseren Zweitligahelden konfrontiert wurden, war im Nu verflogen.
Der Rest des Abends verging wie im Rausch… bis 4.00 Uhr standen wir da mit den Jungs und als ich schließlich zurück nach Hamburg fuhr, hab ich im wahrsten Sinne des Wortes Sternchen gesehen. Ich habe in den darauf folgenden vier Tagen insgesamt ca. 15 Stunden geschlafen und fühlte mich wie im Amphetamin-Rausch.
Tja, und das war der Beginn einer wunderbaren langen Reise…. wenn ich das jetzt aufschreibe muss ich selber lachen über meine Naivität und Beeindruckbarkeit von damals. Aber das sind so Dinge die man tut und empfindet, wenn man zum ersten Mal den Rock’n'Roll-Zirkus betritt. Dass ich auch nur 3 Minuten VOR dem Hotel warten würde, ist mir z. B. nie wieder passiert. Aber ich war jung und hatte kein Geld, da improvisiert man schon mal. So ein gewisses Stalker-Potential brauch man auch, wenn man Geschichten dieser Art erleben will…aber ich hab mich immer benommen, ich schwöre!
Aber dazu mehr in den nächsten Geschichten…alle wirklich erlebt, nichts dazu gedichtet, höchstens hier und da mal was weggelassen. Aber das muss sein.