Nico Icon

Musik spielt ja bekanntlich eine große Rolle in meinem Leben…dabei hab ich in erster Linie einen Hang zu Gitarrenbands oder großen ikonischen Heldenfiguren wie Morrissey, David Bowie und John Lennon.

Ein paar weibliche Helden hab ich aber tatsächlich auch. Zum Beispiel Aimee Mann, Tori Amos, Debbie Harry, Kate Bush, Sandie Shaw, Sarah MacLachlan….merkt ihr was? Alles beseelte, melancholische Mädchen mit schmerzbeladenen Gemütern.

Diese düsteren Heldinnen haben eine Königin. Die ist dem durchschnittlichen Popmusikhörer allerdings höchst unbekannt – Christa Päffgen, anyone?

Vielleicht hat der Eine oder Andere zumindest schon mal den Namen Nico in Verbindung mit The Velvet Underground gehört. Und obwohl sie nie auch nur einen Moment lang kommerziell wirklich erfolgreich war, gehört sie zu den prägendsten Gestalten der Popkultur in dem Sinne, dass sie diejenigen, die sie berührt hat, wirklich bis ins Mark berührt hat.

Nico, oder bürgerlich eben Christa Päffgen, geboren 1938 in Köln, wuchs in den ersten Jahren des großen Krieges und ohne Vater auf, was sie nachhaltig prägte. Ihre ersten Schritte ins Rampenlicht machte sie in den 50er Jahren als Model, oder Mannequin, wie es damals noch hieß. Ihr Weg führte sie so nach Paris und New York, wo sie den Künstlernamen Nico annahm und bemüht war, ihre deutsche Herkunft möglichst unkenntlich zu machen.

Aber Nico war in jungen Jahren der absolute Inbegriff einer teutonischen Schönheit: Groß, schlank, asketisch, mit gemeißelten Gesichtszügen, großen traurigen Augen und blondem Haar. Ihre Herkunft ließ sich kaum verhehlen und spätestens wenn sie den Mund zum Sprechen öffnete und ihren kantigen deutschen Akzent enthüllte, war jeder Amerikaner hin und weg. Neben ihrer Modelkarriere begann sie zu schauspielern, größtenteils in künstlerisch anspruchsvollen Independentfilmen, und wurde so zum heiß gehandelten Geheimtipp. Kein Wunder also, dass sie  recht schnell in Rockstarkreisen als Sammlerobjekt rumgereicht wurde und schließlich in New York auf den Radarschirm eines damals total angesagten Künstlers geriet – ein gewisser Andy Warhol wählte sie zu seiner Muse und ließ sie fortan nicht mehr von seiner Seite, nannte sie gar seine „Göttin“. Die Inspirationsquelle eines jeden wahren Künstlers ist eben der Schmerz, und sei es der anderer.

Im Atelier des Künstlers, der so genannten „Factory“ tummelte sich damals ein recht buntes Völkchen von fellow artists, Musikern, Träumern, Schmarotzern und Groupies. Darunter Lou Reed und John Cale, die mit „The Velvet Underground“ quasi den Geist dieser schrägen Atmosphäre in Musik einfingen. Andy Warhol war ihr Produzent und gab die künstlerische Stilrichtung vor. Das erste Album „The Velvet Underground and Nico“ mit der berühmten grellgelben Banane auf dem Cover ist bis heute einer der großen Meilensteine der Musik- und Designhistorie.

Nico war mit ihrer dunklen, einzigartigen Stimme und dem exotischen Akzent die ideale Ergänzung für die Band. Eine zeitlang lebte sie den Traum von Sex, Drugs und Rock’n'Roll – habt ihr schon mal den Doors-Film mit Val Kilmer gesehen? Der Blow Job im Fahrstuhl? Das war sie… nun, ob das so wirklich passiert ist, sei jetzt mal dahin gestellt, aber vorstellbar ist es allemal.

Die Musik ist wirklich nicht für jeden was, ich will euch aber trotzdem natürlich dieses besondere Vergnügen nicht vorenthalten – voilá, „Femme Fatale“:

Leider… wie so viele Geschichten, die von wunderbaren Menschen mit großem Potential handeln, hat auch diese kein gutes Ende… Nico geriet zu tief in diesen unwirklichen Strudel aus Kunst- und Musikszene und lachte sich ein ernsthaftes Drogenproblem an. Musikalisch trennte sie sich bald von The Velvet Undergrund und produzierte Solomaterial. Viele Jahre lang war sie schwerst heroinanhängig und verfiel vor den Augen der Welt. Aus der Schönheit wurde ein Geist. Nicht aber – was auch gern mal einer behauptete – ein Monster. Auf diesen Bildern von 1982, nach rund 15 Jahren Drogenkarriere, konnte man immer noch sehen, was sie mal gewesen war…

„Heroes“ (David Bowie), Live-Aufnahme von 1982:

Nicht gerade zur Erleichterung ihrer Lebensgeschichte trug ein ewiger Sorgerechtsstreit um ihren 1962 geborenen Sohn Ari bei. Der Vater des Jungen war Alain Delon, der es allerdings bis heute bestreitet. Was ziemlich dämlich ist, nicht nur, weil Ari Boulogne aussieht wie ein Photoshop-Experiment zwischen Nico und Delon (bild-googelt mal selbst, ich hab nur eines gefunden und da war ich mir nicht sicher wegen Copyright…), sondern auch, weil sich seine eigenen Eltern zumindest so sicher waren, dass sie den Jungen aufzogen. Daher der Nachname Boulogne, scheinz auch der Geburtsname von Alain Delon. Nico stritt sich jahrelang mit den Groß-/Pflegeeltern um Ari, schmälerte ihre Chancen allerdings berechtigterweise dadurch, dass sie – zu der Zeit total fertig und endlos auf Droge – den Jungen im Alter von etwa 20 anfixte. Und ich glaube, er ist das Problem bis heute nicht ganz wieder losgeworden.

Seine Mutter schon, denn die starb 1988. Allerdings nicht, wie man meinen würde, an Heroin. Nein, sie stürzte, schon jahrelang clean und halbwegs glücklich, auf ihrer Wahlheimatinsel Ibiza vom Fahrrad.

Ich hab heute über sie geschrieben, weil sie letzte Woche, am 16. Oktober, 70 Jahre alt geworden wäre. Eine der ganz großen Ikonen der Popmusik. Wer mehr über sie erfahren möchte, und wie ich von großen Popmythen fasziniert ist, dem sei dieser Film ans Herz gelegt. Großes Kino, im wahrsten Sinne des Wortes.

Hier zum Abschluß noch ein Stück erzählerische Musik – eine Hymne an Nico von einer anderen großen Frau und Zeitzeugin: Marianne Faithful. Mit wunderschönen Bildern der Göttin.

26 Antworten zu „Nico Icon“

  1. Michi sagt:

    Ich.

    Nico hat glaub ich auch mal einen song von Jackson Browne gecovert…hm.

  2. elsbesen sagt:

    Ich glaube Morrissey hat mir Nico versaut. Über so viele Jahre hat er für seine Pre-Show-Tapes immer wieder die anstrengendsten Stücke von Nico rausgesucht. Und wenn man wie wir das ja nun meistens tun, mehrere Mogsy Shows besucht, dann geht sie einem irgendwann total auf die Nerven. Mir ging es zumindest so. Ich wünschte es wäre anders. Ich weiß, dass sie auch ganz andere Sachen gemacht hat, aber er hat sie für mich versaut. Musikalisch zumindest.

    Aber um im Thema zu bleiben: Kennt ihr den Film „The Nomi Song“ über Klaus Nomi? Auch der ist sehr empfehlenswert.

  3. Celia sagt:

    Marianne Fatihfull….das war jetzt „back to the roots“. Meine Mutter und ich hatten mal in den 80-er’n ne ganz schlimme Phase….Sie wollte sich selbst finden und ich musste mir ihr….da ist mir die Dame mal bei so einer Punk-Platte meiner Mutter unter gekommen…war gar nicht so schlecht….und dann denke ich immer, dass ich noch gar nicht so viel älter bin als du, liebe pinky….aber irgendwie dann doch….und in musik kenn ich mich sowieso nicht aus….aber irgendwie dann doch….wir haben immer wieder schnittstellen, süße…. FIRST WE TAKE KIEL, Pinky!!!!!!!

  4. ziemlichweitimsüden sagt:

    Meine Herren, ist das lange her. Da war ich ja sogar noch jung. ;-)
    Die Musik ist/war geil aber stark selbstmordgefährdend, aber damals gabs ja genügend freiverkäufliche „Arzneimittel“. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen sie ihren…..

  5. aristokitten sagt:

    @Du?? Ahh…. anyone? ;-)
    @besen – also, ich kann’s ja an dieser Stelle mal zugeben: Die Sologeschichten hör ich NIE! Einzig besagte Velvet-Platte dreht sich bei mir ab und zu und die mag ich auch sehr…das andere ist mir irgendwie…zu hoch. Ich bin einfach nur von ihr als Person fasziniert.
    @Celia – höhö…lustige Geschichte! Deine Mutter is ganz schön cool, wenn sie solche Musik gehört hat…
    @ziemlichweitimsüden – ts, Mann. Dieser Beitrag trägt die unterschwellige Botschaft „sag nein zu Drogen“ und nu kommst du :-)

  6. jufjuf sagt:

    Ich gestehe, dass ich Tori Amos und Aimee Mann-Fan bin. Ich habe da Zeit meines Lebens immer drunter gelitten, weil das angeblich Mädchen-Musik sei. Aber ich konnte mich den beiden einach nicht entziehen. Was soll ich nur tun?

  7. Micha sagt:

    „And what costume shall the poor girl wear…“

    Als die Nachricht von Nicos Tod im Radio kam, war ich gerade mit meiner Band auf dem Weg in den Proberaum. Ich würde gern erzählen, wir hätten spontan „All tomorrow’s Parties“ gecovert, aber dazu waren wir einfach zu schlecht. Die Nachricht hat uns aber trotzdem schockiert.

  8. Gürtel sagt:

    „Aber Nico war in jungen Jahren der absolute Inbegriff einer teutonischen Schönheit: Groß, schlank, asketisch, mit gemeißelten Gesichtszügen, großen traurigen Augen und blondem Haar.“

    DANKE, MIRI. SO FÄNGT DER TAG GUT AN ;-)

  9. ziemlichweitimsüden sagt:

    @aristokitten: wer spricht denn hier von Drogen? Ich meinte da eher diverse Antidepressiva. ;-)

  10. aristokitten sagt:

    @juf – geben Sie sich einfach hin, Herr Juf. Was gibt es Inspirierenderes für einen wahren Poeten, als sich düsteren, melancholischen Mädchen hinzugeben.
    @Micha – hab ich mir gedacht, dass ich da bei dir einen Nerv treffe :-)
    @Gürtel – Bei dem Blond müsstest du noch nachhelfen, aber sonst ;-)
    @aristokitten – sind das nicht auch Drogen? Psychologen sind doch die gefährlichsten Dealer von allen ;-)

  11. Michi sagt:

    Ich hab`s. „These days“. Nur falls es noch jemand interessiert. S.o.

  12. MC Winkel sagt:

    Was Weiber die Frauen immer mit traurigen Augen haben…

    Das ist sowieso so eine Theorie von mir: ich bin ja überzeugt, dass Frauen nur da sind, um Männer in Beziehungen sukzessive psychisch zu zerstören, ihnen Selbstachtung und schließlich Personality klauen. Wenn sie es zulassen, die Herren. Und das machen ja so viele; mit einst glücklichen Augen. :)

    Aber mal was Anderes: liebe Mizzie, bitte mach’ doch wieder den Volltext für den Feedreader frisch, ja?! Ich verspreche auch, trotzdem weiter direkt vorbeizukommen…

  13. aristokitten sagt:

    @MC – Traurige Augen sind das Salz in der Suppe des Lebens. Oder so.
    Ach ja, da spricht jetzt der Frauenversteher? Richtig, dazu sind Frauen da. Aber nur aus Rache für Jahrtausende Unterdrückung, Fehleinschätzung und Übereinenkammschererei durch Männer.
    Und wie? hä? was? soll ich frischmachen? Hab nix gemacht, ehrlich. Sag mir wie.

  14. ziemlichweitimsüden sagt:

    @aristokitten: Ich denke mal Du meinst mich mit Deiner Antwort. Ja da haste Recht, Psychologen machen einen nur verrückt. :-)

  15. Michi sagt:

    Wusst ich es doch. Es interessiert niemand. Pah.

    Herr Winkelsens Theorie dazu, wie sich Frauen dauerhaft auf Männer in Beziehungen auswirken, ist keineswegs vereinzelt. Ein sehr guter Freund von mir sieht es exakt so wie beschrieben. Und kann alles beweisen. :-)

  16. aristokitten sagt:

    @ziemlichweitimsüden – jaaa stimmt…meinte dich. Dein Name is einfach zu lang, das schaffen meine Synapsen nicht mehr. :-)
    @Michi – doch, doch, total. Ich kenn nur den Song nicht, gar nicht. Aber du hast mich wie immer mit deinen Musikkenntnissen beeindruckt. Wenn du so ein guter Anwalt bist wie Musikkenner, werde ich dich bei meiner ersten Scheidung auf JEDEN Fall engagieren.
    Neenee, Winkelsens Theorie is nicht vereinzelt…die von der Schöpfung aber auch nicht. So.

  17. Michi sagt:

    Ich scheide nicht. Sowas mach ich nicht. Neenee. Bin ja nicht reif für Neustadt oder Schleswig.

    „These days I sit on corner stones
    And count the time in quarter tones to ten, my friend
    Dont confront me with my failures
    I had not forgotten them“

    schrieb er mit 17 („These days“).

    Ich finde kaum Gegenbeispiele, die Herrn Winkelsens Theorie in praxi widerlegen. Bitter, das.

  18. aristokitten sagt:

    Gut, ich krieg meine Scheidungen schon durch, mit oder ohne dich.

    Ich könnt ja jetzt was laaaanges und dramaaatisches raushauen darüber, was an Männern das Problem is, dass sie Frauen (also, alle ANDEREN Frauen außer mir) zu diesen selbstschützenden Maßnahmen zwingen. Aber ich lass das. Nachher müssen alle männlichen Leser in Therapie.

  19. jufjuf sagt:

    an winkel und michi anschließend: klar machen frauen in einer beziehung den mann kaputt. aber vor allem, die frauen, mit denen er nicht in der beziehung ist.

  20. aristokitten sagt:

    Siehste, da wir schon eher n Schuh draus… ansonsten – „macht kaputt was euch kaputt macht“, oder wie war das noch?

    Alles reiner Selbstschutz. Außerdem, Herr Juf – Sie stehen doch bestimmt auf Schmerzen, oder nich?

  21. Miss Liss sagt:

    ach je…. das ist musik dich ich früher viel gehört habe. velvet underground, lou reed, renessance usw. aber ich habe tatsächlich nicht gewusst, wer da genau so schön singt.
    das muss ich mir von dir jungem hüpfer erzählen lassen :-)
    mein favorit was weibliche stimme angeht ist zur zeit emiliana torrini… anyone?
    und was mussten meine tränenden augen sehen, genau diese dame hat am 22 okt in hamburg konzertet, ohne das ichs wusste.
    das ist mehr als tragisch!

  22. aristokitten sagt:

    Ist nicht heute der 22.? hab die Ankündigung gestern im Abendblatt gelesen, hätt ich’s geahnt, hätt ich dir Bescheid gegeben… ich hab sie noch nicht gehört aber der Artikel klang interessant. Werd ich auschecken.

  23. mcwinkel sagt:

    Ach so, ich dachte Du hättest das absichtlich gekürzt. Im Feedreader wird immer nur ein Auszug angezeigt. Kannst Du das unter

    - Einstellungen
    - Ausgabe
    - Feed-Artikel werden dargestellt – „im Volltext“ ändern? Wäre super! :)

    Danke + LG

  24. jufjuf sagt:

    ich stehe so sehr auf schmerzen, dass ich sie auch anderen schenke

  25. aristokitten sagt:

    @MC – Tatsache…hab ich geändert, allerdings hatte ich es vorher nicht geändert. Egal…
    Neues Profil? Schickes Foto…
    @Jufjuf – und ich gehöre zu den Glücklichen, die jeden Tag in Ihrem Blog was davon abbekommen. So schließt sich der kreis.

  26. ziemlichweitimsüden sagt:

    Ich weiß mein Name ist etwas lang, aber die Synapsen wollen ja auch trainiert werden.
    Sonst hätt ich mich auch Sepp nennen können, aber wer will das schon. ;-)
    Ich muß mich desnächtens auch daran erinnern können, was nicht immer leicht ist.

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